Zusatzluftfeder
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Erfahrungen eines Trikers


bergabwienix am 09 Jan 2016 12:58:08

Der folgende Bericht wurde von mir verfasst für die Zeitschrift b"Triker Szene" und erschien dort im Heft 4 / 15.

Bei den Triketreffen werden die Triker die mit dem Wohnmobil anreisen und das Trike auf dem Anhänger mitführen immer mehr. Deshalb denke ich dass mein „Hobbyübergreifender“, kleiner Reisebericht doch auch hier angebracht ist.
Ich muss mich outen. Auch ich gehöre zu jener Gruppe die sehr gerne Trike fährt aber ebenso gerne mit dem Reisemobil on the road ist. Triker zu sein ist ein Lifestyle der gezwungenermaßen in der wärmeren Jahreszeit gepflegt wird. Ich verlängere deshalb meine Trikesaison von November bis April und verbringe diese Zeit heuer in Marokko.

Von meiner neuen Heiat Ungarn bis zum ersten Ziel Agadir sind ca.4500 KM. Etwa eine Woche plante ich für diese Strecke ein. Ein Reifenplatzer am Anhänger in Südspanien am Freitag Nachmittag machte meine Rechnung zunichte.. Nur ein kurzer Anruf beim heimischen ADAC und sofort werde ich geholfen – ja denkste.
Freitag Nachmittag ist keine Werkstatt mehr zu erreichen. Am Samstag arbeitet hier keiner. Am Sonntag sowieso nicht und am Montag wird der auf den Samstag gefallene Feiertag (Nikolaustag !! ) nachgeholt. Tatsächlich am Dienstag konnte es dann weitergehen.

Fähre war toll. Da gibt es einen Einheitspreis. Der alleinfahrende Smartfahrer zahlt genau so viel wie die beste Ehefrau von von allen und ich mit unserem aus drei Fahrzeugen bestehenden 14 Meter Gespann. Nach der etwa einstündigen Überfahrt betritt man nicht nur einen anderen Kontinent sondern eine total andere Welt.

Autobahn fahren in Marokko ist Spitze. Bahnen total leer und gut überwacht. Bei Rabat habe ich an der Stadtausfahrt mal auf 10 Kilometer 19 Polizisten an der Straße gezählt. Die tun aber nix. Das sind Soda Polizisten. Die stehen einfach nur Soda rum. So eine Personaldecke bei der deutschen Polizei würde unweigerlich zum Verkehrskollaps führen. Da müsste ja jeder Einzelne seine Daseinsberechtigung beweisen. Dann würde sicher nix mehr vorwärts gehen. Die Autobahnen sind bestens gepflegt. Sogar der Mittelstreifen ist total sauber. Man glaubt es kaum, aber der wird im laufenden Verkehr von Schafherden und von Kamelen abgegrast. Auch über ein Eselsgespann auf der Autobahn darf man sich absolut nicht wundern. Hier werden diese Eselskarren „Berbertaxi“ genannt. Radfahrer und Fußgänger sind hier ebenso die Regel.

Unser erstes Ziel ist ein Campingplatz bei Agadir. Agadir wurde vor weniger als 50 Jahren bei einem Erdbeben total zerstört. Rund ein Drittel der damals etwa fünfzig Tausend Bewohner kam diese Nacht durch die nur 15 Sekunden Erdbeben ums Leben. Die Stadt wurde seither vollkommen neu aufgebaut. Natürlich in vollkommen anderem, modernen Stil. Agadir verkörpert deshalb Afrika oder Marokko genauso wenig wie Schwarzenegger die sieben Zwerge. Alleine an einer Straße in der Stadt finden sich zwei Kneipen von dem amerikanischen Schachtelwirt mit dem großen M. Die Mädchen sind hier zum Teil in einem schwarzen Ganzkörperkondom mit schmalen Augenschlitzen verpackt wie ein Schokoriegel. Wieder andere zeigen wirklich fast alles was Ihnen ihr Allah mitgegeben hat.
Von dem gepflegten Campingplatz bei Agadir aus machen wir fast täglich Touren mit dem Trike. Ziele sind hier das Atlasgebirge, Tarudant, Esauira, Fes, Marakesch usw. Auch der kleine und der hohe Atlas Sind ebenso Ziel für größere Touren wie die Sahara.

Polizeikontrollen im Landesinnern sind da schon ernster zu nehmen als die bekannten am Stadtrand. Fast an jedem Dorfeingang ist eine Kontrolle aufgebaut. Mindestens 5 Uniformierte stehen dann da und haben sogar Nagelbretter vorbereitet falls tatsächlich mal einer nicht anhalten will.
Unser Trike hat aber bisher alle begeistert. Bei der langsamen Durchfahrt durch die Kontrollstelle konnten wir die Polizisten immer beobachten. Erst kam beim Anblick des Trikes ein leichtes Lächeln auf die Lippen. Dann ein breites Grinsen und dann ein verstohlenes Winken damit's die Kollegen nicht sehen, mit den Fingern. Das war aber bei allen Fünfen so.
Wir wurden von ganz mutigen auch schon mal angehalten. Die ließen uns dann aber sofort verstehen dass sie eigentlich nur neugierig sind. Auch an einer Radarkontrolle wurde ich mal angehalten. Meine überhöhte Geschwindigkeit hat aber nicht mehr interessiert. Wichtig war dann nur das fotografieren. Als ich meinen Fotoapparat dann zum Vorschein brachte waren sie aber ganz vorsichtig. Ich musste ihnen versprechen dass die Fotos nur für mich persönlich sind (darf man lügen?) - ja keinen Offiziellen oder Uniformierten fotografieren.

Nicht nur im Riffgebirge, auch im Atlas wird immer wieder an der Straße „Gras“ angeboten. Bei den vielen Polizisten auf der Strecke ist ein Kauf aber ein gefährliches Unterfangen. Gottseidank hab ich daran aber gar kein Interesse. - Zumindest wurde ich nicht erwischt.

Der Marokkaner an sich ist arm und nur die wenigsten können sich ein eigenes Auto leisten. So wird eben viel Taxi gefahren. Die Taxen sind meistens in Deutschland ausrangierte Strich Achter „Heizöl Benz“. Diese haben wenigsten viel Platz so dass kaum ein Fahrer mal mit weniger als mindestens 6 Fahrgästen unterwegs ist. Die alten Daimler haben alle einen mindestens siebenstelligen Kilometerstand auf der Uhr. Aber die Dinger laufen immer.

Der Plastikmüll ist allgegenwärtig. Nicht nur am Strand findet man auf jedem Meter Plastikflaschen, Fetzen von Fischernetzen und Reste von Plastikfolien. Sogar in der Sahara bald an jedem noch so dürftigen Dornenbusch hängt ein Rest von einer Plastiktüte. Wer diese Geisel der Menschheit mal so gesehen hat, der hat beim nächsten Einkauf im Supermarkt ein anderes Verhältnis zu der schon fast obligatorischen Plastiktüte am Obststand.

Alles was wir daheim über Hygiene gelernt haben müssen wir hier unbedingt vergessen. Auf den Märkten ist der Metzger dort zu finden wo alles schwarz ist vor Fliegen. - Und die Marokkaner liegen trotzdem nicht tot am Straßenrand.

Von „alten Marokkofahrern“ ist allerdings zu hören dass sämtliche Preise für für die Touristen in den letzten paar Jahren regelrecht explodiert sind. Dank Ebola und IS bleiben aber heuer die Touris aus und die die noch kommen müssen eben entsprechend mehr gemolken werden.

Kälteempfindlichere Naturen sollten die Triketouren so planen dass die Abfahrt erst um 10 Uhr morgens stattfindet. Um 17 Uhr sollte die Tour dann wieder beendet sein. Sobald die Sonne hinterm Horizont (oder im Atlantik) verschwunden ist, wirds nicht nur urplötzlich Nacht sondern es sinken die sonst sehr angenehmen Temperaturen rapide. Sollte ein kälterestistenter Triker dann noch unterwegs sein sind gute Scheinwerfer unbedingt zu empfehlen. Die Berbertaxis sind immer unbeleuchtet. Radfahrer sowieso und sollte mal eines der tausenden Mopeds ein Licht besitzen so ist das die große Ausnahme. Eine Dämmerung gibt es hier nicht. Eben noch heller Tag ist es Minuten später Kuhfinster.

Berührungsängste ist ein Begriff den der Marokkaner grundsätzlich nicht kennt. Auch der Unterschied zwischen „Mein“ und „Dein“ ist ihm nicht so ganz geläufig. Lässt man das Trike mal kurz unbewacht auf einem Parkplatz stehen so kommen sicher einige Leute und setzen sich wie selbstverständlich auf den Fahrersitz und wollen natürlich alle Funktionen von Schaltern und Griffen ausprobieren. Wenn man sich dagegen wehren will reagieren sie darauf meist mit Unverständnis. Da ist mir dann die den Marokkanern angeborene Höflichkeit und Freundlichkeit auch egal und ich werde sehr deutlich.
Einen gesunden Geschäftssinn haben alle Marokkaner. Ob nun einer am Touristenstrand steht mit einem kleinen Zicklein das er zum fotografieren „vermietet“, Kamelreiten wird allerorts angeboten. Ganz beliebt ist auch sich eine orangene Warnweste anzuziehen, eine Basballkappe auf den Kopf setzen und an einem öffentlichen Parkplatz zu stehen. Von den Touristen kann man hier ganz problemlos Parkgebühren kassieren – je nach Automodell unterschiedlich viel. Ein recht wichtiger Gesichtsausdruck ist hier halt noch vonnöten.

Mein Mongolentrike ist jetzt 23 Jahre alt und nach weit über Dreihunderttausend Kilometern darf auch mal was kaputt gehen. Dass es aber immer die Kupplung ist ist schon seltsam. Im letzten Winter ist mit der Kupplungszug gerissen und dieses Jahr bricht die Schweissnaht vom Haltewinkel des Bowdenzuges. Nachdem aber hier bald jedes dritte Haus eine „Fachwerkstatt“ ist, ist der Weg zur Hilfe niemals weit. Innerhalb weniger Minuten hatte ich „professionelle“ Hilfe und der Defekt war zum horrenden Preis von fast 4,- € behoben.

Marokko ist immer noch das Land der Hippies und Aussteiger. So viele alte Bullies wie hier an der Atlantikküste habe ich noch nie in so kurzer Zeit gesehen. Nicht nur in Kalifornien sind die Surfer mit bewährtem Material aus Allemania auf der Straße und am Strand unterwegs.

Da wir am Ostermontag wieder zuhause sein wollen machten wir uns Ende März wieder auf den Heimweg. Am Karfreitag auf der italienischen Autobahn nördlich von Genua traf mich dann der Schlag. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schlaganfall diagnostizierte der Arzt in der Genuesischen Klinik.
Als ich Wochen später, zwischenzeitlich zwei mal operiert in einer Münchner Klinik, wieder einigermaßen klar denken konnte überlegte ich mir dass mein nächstes Trike wohl doch vier Räder und emissionsfreien Handantrieb haben wird.
Heute, gut sechs Monate später kann ich mich schon wieder ein wenig bewegen und habe Hoffnung dass ich die nächste Sommersaison mit Einschränkungen doch auf meinem bewährten Mongolentrike verbringen werde.
Aus den vielen Wünschen die ich für meine Zukunft noch hatte ist nur einer geworden: Wieder gesund werden!

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klink_bks am 09 Jan 2016 13:44:53

:) Hallo bergabwienix :)

Klasse Reisebericht, sehr interessant zu lesen.
Dankeschoen hierfuer und weiterhin richtig gute Besserung !

Gruss von der schoenen Mittelmosel
Achim

bergabwienix am 09 Jan 2016 13:56:47

Versuche mal ein Bild hochzuladen.
Klappt aber anscheinend nicht. Das Bild wird mir beim Upload wohl angezeigt ist aber auf der Vorschau nicht zu sehen.
Ich werde mal absenden und dann sehen.

klink_bks am 09 Jan 2016 16:06:41

:) und auch :)

deine Signatur gefaellt mir extrem gut !

Gruss
Achim

Beduin am 06 Mär 2016 15:19:11

OH HA dann weiter hin gute Besserungm das du wirklich bald wieder auf dein! Trike steigen kannst.

Hier ist eine Anleitung wie das mit den Bilder geht --> Link

rossifumi am 06 Mär 2016 16:51:34

wahrlich ein sehr schön und unterhaltsam zu lesender Bericht!
wünsche auch für weitere Reisen baldige Besserung.
Rossi

axel1964 am 07 Mär 2016 21:14:47

Hallo bergabwienix,

ich wuensche dir auch gute Besserung. Ich bin ein Trikerkollege und fahre ein RF 1 LT2.
Morgen hab ich einen Termin beim Händler um mir mein Womo zu bestellen. Auch mein Traum ist es, mit Womo und Trike durch Europa zu reisen. Ich hoffe für dich, das du bald wieder die Freiheit auf drei Rädern genießen kannst.

In diesem Sinne,

Be free on three

Axel

neubeh am 07 Mär 2016 21:51:32

Hallo bergabwienix,

danke für deine Bericht aus Marokko.
Schön, das du deine Erfahrungen so wertungsfei geschildert hast.
Macht Lust auf das Abenteuer Marokko.

Ich hoffe bist bald wieder gesund.

Gruß Heinz

bergabwienix am 10 Mär 2016 20:47:14


bergabwienix am 10 Mär 2016 20:53:27


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