Wer Lust auf „olle Geschichten“ hat, kann uns gern über den alten Gavia begleiten :
Heutiger, ausgebauter Streckenverlauf und Lage : "www.touren-biker.de/Paesse/gavia.htm"
(Hot link funzt nicht in Blog-Beiträgen :( )
(Anmerkung : die Fotos sind nicht vom Gavia – da mußte ich mich doch sehr auf die Straße konzentrieren, da war keine Zeit zu fotografieren. Aber sie stammen aus diesem Urlaub in den schweizer Pässen. Dachte, das würde vl etwas illustrieren …. )
(Noch ne Anmerkung : das ist der originale Text von damals .. kommt mir heute etwas "blumig" vor. Könnte schon sein, daß beim schreiben noch ein zweiter der am Schluß erwähnten Fundadors dabei war .. :oops: )
16. September 1981
Auf dem Weg nach Livigno fahren wir in Richtung Bernina - Paß. In einem einfachen Gasthaus am Fuß der Diavolezza essen wir zu Abend.
Auf der Bernina Paßhöhe finden wir einen einsamen und total ruhigen Schlafplatz. Allerdings heult der Wind um die Berge und unseren Bus. Es ist sehr kalt und wir werfen die Heizung an. Bei bleibend gutem, klarem Wetter sollten wir morgen eigentlich einen tollen Frühstücksblick haben. Im Westen müßten die (hoffentlich) sonnenbeschienen Gletschergipfel liegen.
17. September 1981
Na also, unsere Erwartung hat sich bestätigt, ein herrliches Morgenrot liegt auf den schneebedeckten Gipfeln rund um den Bernina-Paß. Dieser Anblick entlohnt uns für die reichlich kalte Nacht.
Während wir beim Frühstück sitzen, bimmelt es plötzlich draußen : eine Herde Ziegen wandert ganz allein über die Paßhöhe. Ich verfüttere etwas altes Brot, die Tiere sind sehr zutraulich. Zwei noch sehr junge Ziegen sind besonders gierig, sie springen an mir hoch wie Hunde, um ja ein Stückchen abzukriegen. Evi läßt sich nicht dazu bewegen, die Tiere zu streicheln, sie behauptet – nicht zu Unrecht – daß die stinken wie die sprichwörtliche „wilde Wuz“. Das hält die Herde jedoch nicht davon ab, auf der Suche nach mehr Futter neugierig in den offenen Bus zu schauen – gibt´s da noch was ? Wir dachten schon, wir bekommen blinde Passagiere …
Nach dem Frühstück fahren wir den Bernina runter bis zur Abzweigung nach Livigno, der schweizer Zoll winkt uns durch. Ziemlich steil geht´s über eine Bergkette hinauf, im Tal liegt langgestreckt Livigno.
Natürlich müssen wir in jedes Geschäft reinschauen. Auf einer Sonnenterrasse trinken wir Kaffee, ohne Sonnenschirm ist es fast nicht auszuhalten vor Hitze. Der Ort und die Gegend gefällt uns recht gut, wäre doch auch mal was im Winter zum skilaufen.
Wir versorgen uns noch mit Lebensmittel und tanken günstig.
Über den Passo di Eiva und Passo di Foscagno (beide sehr eng und kernig steil) fahren wir durch ein traumhaft schönes Gebiet nach Bormio. Von dort wollen wir über den berüchtigten Gavia und weiter zum Lago di Garda.
Von Bormio (1.225 m) führt der Gavia (2.621 m) nach Ponte di Legno. Es ist eine sehr wenig befahrene Strecke, der Karte nach zu schließen eher sehr schlecht ausgebaut (unterste Straßenkategorie, danach kommt nur noch Trampelpfad). Steil führt die stets recht enge Straße durch dichten Wald hinauf nach St. Caterina, einem Wintersprortgebiet. Danach wird es noch steiler und enger. Viele Serpentinen sind bereits hier die einzige Passiermöglichkeit für entgegenkommende Fahrzeuge.
Unmittelbar nach einer Kehre wird die Straße unbefestigt – Schotter und Lehm, mit tief ausgewaschenen Spurrillen. Ich muß versetzt fahren, um nicht aufzusetzen. Waren Leitplanken vorher schon nicht vorhanden, fehlen jetzt auch größtenteils die Steinklötze als Weg-/Straßenmarkierung. Im ersten Gang, teils wegen der Steigung, teils wegen des schauderhaften Straßenzustands müht sich unser armer Bus vorwärts. Der Lüfter des Motors läuft permanent, trotz voll eingeschalteter Heizung, wir versuchen max Temperatur abzuführen.
Längst sind wir oberhalb der Baumgrenze. Riesige Felsklötze liegen neben der Straße, die zum Großteil hier in gewachsenem Fels eingesprengt wurde. Tiefe Abgründe auf der einen, steile Wände auf der anderen Seite. Nur zwei-/dreimal begegnen wir anderen Fahrzeugen, eine Nonne in einer Ape winkt freudig, als wir ihr den Vortritt lassen und gibt mächtig Gas. Grundsätzlich bedankt man sich und winkt. Auch einige Jäger in einem Pinzgauer winken uns zu und zeigen „Daumen hoch“ – geht schon! Auf der Straße hätte auch Hannibal mit seinen Elefanten über die Alpen ziehen können.
Ringsum leuchten die teils schneebedeckten Gipfel im Abendrot. Wir passieren ein großes Kriegerdenkmal, dessen Tafel offenbar an eine erbitterte Auseinandersetzung im WK-I erinnert. Kurz darauf erreichen wir die Paßhöhe. Zwei nette italienische Wanderer rufen uns etwas über den Straßenzustand zu, zum Glück versteh ich´s nicht.
Der Abstieg ins Tal ist extrem langsam : 1. Gang für die ganzen 14 km und noch steiler, als der Aufstieg. Vor uns liegt ein grandioses Bild : schneebedeckte Gipfel im Abendrot, die aus einer dunklen Wolkendecke empor ragen. Es erinnert mich an Bilder aus den Anden, wo Indios auf uralten Inka-Wegen Lasten tragen.
Wir passieren den Lago Negro, der schwarz glänzend gerade noch oberhalb der Wolken liegt. Dann tauchen wir in die Wolkendecke ein.
Auch hier ist die Straße tief in den Fels gesprengt. Rechts gähnt steil der Abgrund, ein Boden ist wegen der Wolken nicht zu sehen. Evi rückt ganz nahe zu mir ran, weg vom Abgrund. In diesem Bereich sind viele Gedenktafeln (Marterl) in die Felswand eingelassen. Aufgrund der ganz langsamen Fahrt können wir fast alle lesen : eine ganze Gruppe Soldaten, Anna + Roberto usw. – schaurig !
Die Kehren werden so eng, daß sie mit dem Bus gerade noch in einem Zug zu fahren sind, bei Schritt-Tempo wohlgemerkt. Die Straße selbst wird – kaum vorstellbar – noch schlechter, tiefe Rinnen zeigen die erosive Tätigkeit des Wassers nach Regenfällen. Zudem ist die Oberfläche ziemlich lehmig und rutschig. Es wäre mein Traum, diesen Paß einmal in einer Gewitternacht mit einer Enduro oder im offenen Jeep zu fahren – natürlich lacht Evi mich deswegen aus.
Inzwischen ist es Nacht geworden, langsam fängt der Baumbestand wieder an. Wir fahren durch dichte Fichtenwälder in äußerst engen Serpentinen, einmal muß ich sogar zurückstoßen. Die Straße ist immer noch steil und sehr schlecht.
Kurz vor Ponte di Legno fängt der Aspahlt wieder an. An einem rauschenden Bach finden wir einen Schlafplatz. Zur Beruhigung der Nerven schenkt und Evi einen großen Fundador ( span. Brandy) ein. Ein tolles Erlebnis und grandioser Abschluß unserer Pässetour.
Bis zum nächsten Mal, Gavia !



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