Geplant war sie schon lange, diese Reise zu den Wurzeln meiner Familien, aber irgendwie hat es nie geklappt, diesen letzen weißen Fleck auf meiner Reiselandkarte durch Europa zu beseitigen. Nun endlich sollte es soweit sein. Schon lange im Vorfeld habe ich Reiseführer gelesen, Landkarten studiert und Informationen über dieses Land eingeholt und so langsam formierte sich eine Ahnung, auf was wir uns da einlassen würden. Wenn man ein Land völlig neu kennen lernt, so formiert sich im Kopf ein Bild... was sich dann aber immer ganz anders in der Realität darstellt. Wer glaubt, hinter der deutsch-polnischen Grenze leben die Menschen noch auf den Bäumen, der irrt gewaltig. Nach meiner Einschätzung ist Polen bereits in der EU angekommen. Alle, die Geld verdienen wollen, sind schon da. Sei es Real, Aldi, Lidl, sowie wie die französischen Ketten Carefour, Bricomarche und wie sie alle heißen. In den Städten sind die gleichen Konsumtempel wie hier gebaut worden und auch C&A, Saturn , H&M und all die anderen streiten sich um die Marktanteile. Natürlich ist auch noch etwas vom früheren Polen übriggeblieben, wie die urigen Skleps (Läden) auf dem Lande und das Pferdefuhrwerk auf dem Weg in einer endlosen Allee mit riesigen alten Bäumen. Aber, man muss schon ziemlich genau hinschauen, um dies alles zu finden. Trotzdem das Fazit vorweg.. Polen, ein wunderschönes Land mit liebenswerten Menschen. Wir werden gerne wiederkommen.
Aber der Reihe nach.
Geplant war eine 14-tägige Rundreise, welche uns von Frankfurt/Oder über Posen (sorry, wenn ich die deutschen Städtenamen verwende, ich breche mir beim Schreiben der polnischen die Finger), Thorn, Allenstein, Angerburg, Heilsberg, Elbing, Danzig, Kolberg und Stettin zurück nach Deutschland führen sollten, eine Distanz von ca. 1500km in Polen. Die Reise sollte die Geburtsorte meiner Eltern streifen und uns einen Eindruck von Land und Leuten bescheren.
Schon nach der Einreise in Polen, wurde uns klar, dass unser Hermann sich einer ziemlichen Prüfung, den allgemeinen Straßenzustand betreffend , würde stellen müssen. Das was als Autobahn in der Karte markiert war, stellte sich als riesige Baustelle mit teilweise fertigen Stücken heraus. Selbst die Überlandstraßen, sind teilweise in erbärmlichem Zustand, obwohl sie noch gar nicht so alt sind. Einen Schnitt von mehr als 50 km/h zu realisieren, ist ein mehr als kühner Plan. Ich denke, mit einem solch gewaltigen Anstieg des Verkehrs hatten die Polen einfach nicht gerechnet. Deshalb wird überall fleißig gebaut und verbessert, sogar an den Wochenenden. Die innerstädtischen Straßen sind teilweise noch schlechter und lassen nur 20-30 km/h zu, wobei unser Hermann auch dabei manchmal erbärmlich ächzte. Trotzdem, dies ist keine Kritik, denn die Polen sind dabei , all das zu verbessern.
Zurück zur Reise.
Von Posen sollte es über Thorn weiter nach Nordosten gehen, ... wenn nicht bei einer Rast, der Anlasser unseres Autos gestreikt hätte. Mit Mühe und Not zur weiteren Mitarbeit überredet, konnte dies nicht über den Rest der Reise so bleiben. Da Sonntag war, da arbeiten Werkstätten auch in Polen nicht, haben wir den Kurs nach Norden geändert, weil ich das Gefühl hatte, in Bromberg eher eine Reparaturmöglichkeit zu finden, als in Thorn. Direkt neben der dortigen Mercedesvertretung lag ein kleiner Campingplatz und Piotr, der Chef des Camping wollte uns gerne helfen. Am Montag telefonierte er, gab uns eine Adresse in der Stadt und schleppte unser Auto an. Die Werkstatt entpuppte sich als Spezialwerkstatt für Autoelektrik und war piekfein. Innerhalb von 30 min. war unser Anlasser ausgebaut und nach weiteren 20 Minuten sein entgültiges Ableben diagnostiziert. Ersatz lag im Regal und so wurde er nach weiten 45 Minuten Umbau wieder eingebaut. Kosten 150€ incl. Arbeitslohn. In Deutschland hätte ein Mercedesschrauber dafür nicht mal einen Schraubenschlüssel in die hand genommen. Danke Piotr, für diesen Tipp.
Am nächsten Tag ging’s dann zum Geburtsort meines Vaters bei Thorn. Welch eine schöne Landschaft, leicht hügelig mit vielen Seen dazwischen. An einer Tanke dort im Dorf, das nächste Erlebnis. Beim Abladen von unserem Moped werden wir auf deutsch angesprochen. Woher wir kämen, wohin etc.. Jacek hatte in Deutschland gearbeitet und war nun in seine Heimat zurückgekehrt. Nach unserem Erkundungstrip stand er dann wieder vor der Tür und lud uns zum Kaffeetrinken ein. Gerne nahmen wir an und saßen wenig später im Wohnzimmer seines Hauses vor Kaffee und Kuchen. Wir haben uns eine Stunde dort aufgehalten uns viel erzählt, wie alte Freunde. Zum Ende wurden wir dann zum Karpfenessen zu Weihnachten eingeladen! Ich denke, wir haben ihn und seine Frau als Freunde verlassen. Ein bewegendes Erlebnis, welches in unserer realen, egoistischen Welt wohl eher selten anzutreffen ist. Danke, ihr zwei, für soviel Herzlichkeit.
Für uns ging der Trip weiter nach Nordosten, in Richtung Masuren. Nach einer Nacht auf einem miserablen kleinen Campingplatz bei Osterode an der lauten Bundesstraße fuhren wir weiter über Allenstein nach Angerburg, da meine Mutter hier aus der Nähe stammt. Angerburg selbst gibt eher wenig her, war es doch schon früher Garnisonsstadt und sonst eher zweckmäßig. Aber der Campingplatz am Mauersee mit seiner schönen Lage entschädigte hierfür. Fronleichnam in Polen zu sein, hat was. Bei unserem Erkundungstrip gerieten wir in die mittägliche Prozession und durften hierbei sicherlich ¾ der Bewohner von Angerburg kennen lernen. Soviel Religiosität ist bei uns nicht mehr zu finden. Bei unserem Trip nach Benkheim, östlich von Angerburg, des Geburtsortes meiner Mutter, dann wieder das gleiche Bild. Prozession mit Weihrauch und Gesang. Nun kam der Entschluss, wir müssen die russische Grenze sehen. Also über Nebenstraßen immer weiter nach Norden. Irgendwo im Wald dann das Ende des Weges. Ein Schlagbaum, ein Grenzpfosten, mehr nicht, auch kein Russe. So machten wir wieder kehrt.
Da wir nun unseren östlichsten Punkt erreicht hatten, drehte sich Hermanns Bug nun nach Westen. , Richtung Heilsberg und Braunsberg, was schon am frischen Haff liegt. Für mich irgendwie etwas Düsteres, hatte ich doch die Erzählungen meiner Mutter noch im Ohr, wie sie im Januar 1945 mit ihrer Mutter über genau diese Straßen gelaufen war, auf der Flucht vor den Russen, beschossen von Tieffliegern. ... In Braunsberg macht sich dies besonders bemerkbar, ist doch fast die ganze Stadt nach dem Krieg modern wieder aufgebaut worden. Nur die Kirche mit wenigen Häusern wurde im Originalzustand restauriert.
Weiter ging’s nach Frauenburg (Fromborg) hier steht eine große Burg des deutschen Ordens, welche prachtvoll restauriert wurde. 14 Tage vor unserem Besuch war der bekannte Gelehrte Nicolaus Kopernikus, welcher in Fromborg gelebt hatte, gerade erneut bestattet worden. Man hatte sein anonymes Grab in der Kirche gefunden und nun liegt er unter einer Glasplatte im Sarg an der alten Stelle unter dem Kirchenboden. Das Konzert auf der Orgel der Kirche trieb uns die Gänsehaut auf die Arme und die Tränen in die Augen. Die Organistin spielte verschiedene Stücke und zeigte die ganze Bandbreite der Möglichkeiten mit diesem fantastischen Instrument.
Von Fromborg ging’s Richtung Elbing zum Oberlandkanal. Noch nie gehört? Nun, dieser Kanal verbindet Elbing mit Osterode. Und überwindet hierbei mehrere 100m Höhenunterschied. Da man vor 150 Jahren kein Geld für Schleusen hatte, steckte man die Schiffe einfach auf Fahrlafetten uns zog sie an Seilen über schräge Schienen nach oben, bzw. unten. Das ganze wird mit Wasserkraft bewerkstelligt und funktioniert auch heute noch ohne jede Reparatur. Ein technisches Meiserwerk, was man unbedingt gesehen haben sollte.
Der nächste Stopp unserer Reise war Marienburg. Der Stellplatz ist direkt auf der anderen Nogatseite, gegenüber der Anlage.
Mann, was für ein Ziegelsteinhaufen, diese Burg. Das war schon überwältigend. Die Polen haben sie nach dem Krieg komplett wiederaufgebaut. Eine irre Leistung, wenn man bedenkt, dass der deute Orden an dem Ding mehrere 100 Jahre gebaut hat. Mit einem I-Phone ausgestattet, machten wir uns auf die3-stündige Besichtigungstour. Wirklich beeindruckend, diese Anlagen die eigentliche aus 3 eineinadergebauten Burgen besteht.
Nun ging’s weiter Richtung Danzig. Auf der berühmten Westerplatte (Kriegsbeginn 1939, hier erwiderte das Schlachtschiff „Schleswig Holstein“ das Gewehrfeuer von 176 Soldaten mit ihren schweren Geschützen (Ironiemodus aus)), einer quasi vorgelagerten Halbinsel fanden wir einen ausgezeichneten Campingplatz. Von hieraus haben wir dann die Stadt „erobert“. Danzig ist von den Polen nach dem Krieg im Innenstadtbereich hervorragend wieder aufgebaut worden. Die Arbeiten sind bis heute nicht beendet. Aber was man sehen kann, ist wirklich beeindruckend. Staunend standen wir vor dem Krantor, dem Grünen Tor und all den anderen Sehenswürdigkeiten. Man kann’s schlecht beschreiben, man muss da gewesen sein.
Von Danzig ging’s dann nach Kolberg, was uns dann doch leider enttäuschte, nachdem wir Danzig gesehen hatten. Plattenbau bis zu Kirche, nur wenig restauriert, aber der Grund, warm hier viele Deutsche zufinden sind ist ein anderer. Kolberg ist Kurort und die dortigen Kliniken bieten Rundumerneuerungen zu Westkassenpreisen an. Deshalb kommen viele her und lassen es sich gut gehen.
Den Abschluss der Reise bildete dann noch die Durchfahrt durch Stettin, zu einem Stop reichte die Zeit leider nicht mehr, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Reise endete zunächst in Mönkebude. Noch nie gehört? Man sollte mal hinfahren, in das kleine Dorf am Stettiner Haff am Ende der Welt mit seiner netten Hafenmeisterin und seinem Stellplatz am Hafen. Da kann man’s aushalten, wenn man seine Ruhe haben will.
Abschließend noch ein paar Tipps für den geneigten Interessenten:
Für die Detailnavigation haben wir Karten vom Höferverlag verwendet. Zudem gibt’s einen Womoführer Polen von Helmut Breidenbach vom Wohnmobilverlag. Danke Helmut, deine Tipps haben uns gut weitergeholfen.
Die angegebenen Stellplatztipps haben wir allerdings nur zum Parken genutzt, ansonsten sind wir auf die Campingplätze gegangen, um auch mal Tisch u. Stühle rausstellen zu können und in den Genuss der möwengroßen Mücken zu kommen (Scherz)
Die Kosten dafür liegen (noch) bei ca. 10 – 15 €/ Nacht. Sie sind recht einfach ausgestattet, aber für unsere Verhältnisse völlig ausreichend.
Noch ein Wort zu den Kosten. Polen bewegt sich auf den Level langsam nach oben. Die Dieselpreise lagen während unseres Aufenthalts bei ca. 1,05 – 1€/Liter. Die Lebensmittelpreise sind dagegen immer noch extrem günstig., so 10-15€, wo man in Deutschland sicherlich das 4-fache bezahlt hätte. Der Restaurantbesuch mit beispielsweise 10€ pro Person ist auch immer noch extrem günstig. Also, wer diese Zeit noch erleben will, Freunde, hinfahren und ein Land im Aufbruch nach Europa kennen lernen, bevor der Euro kommt.
Wir waren nicht das letzte Mal dort, es ist ein schönes, weites Land mit liebenswerten Menschen, die unsere Achtung und Freundschaft verdienen.
Dowidzynia!

