Weinberge, grüne Weiden und gelb leuchtende Rapsfelder prägen im Frühjahr das Landschaftsbild. Zahlreiche Kanäle und Flüsse durchziehen die märchenhafte Landschaft. Und es gibt viele UNESCO-Weltkulturerbestätten und “Schönste Dörfer Frankreichs” zu bestaunen. Dazwischen liegen kleine Ortschaften, in die Harmonie der Landschaft eingebettet, verbunden durch schmale Straßen, die nicht für schnelles Fahren geeignet sind.

Ich bin leider kein Weinkenner, nicht einmal Weintrinker. Abgesehen von einem Gläschen, manchmal zu einem guten Essen. So mögen mir die Weinkenner verzeihen, dass mich die Städte und Dörfer, die Weiler inmitten saftig grüner Wiesen oder die Kulturlandschaft der Weinberge mehr interessieren. Die Flüsse, Bäche und Bächlein mit ihrem hervorragenden Fischbestand verleiten mich hin und wieder dazu, die Fliegenrute auszupacken und mich der Mediation des Fliegenfischens zu widmen.
Seit Mitte 2016 kann man nicht mehr vom Burgund sprechen, sondern nach der Gebietsreform von „Burgund-Franche-Comté“. Der Zusammenschluss war zwar sinnvoll, aber die alteingesessenen Bewohner taten sich schwer mit der Veränderung, auch wenn es schon einmal eine Fusion zwischen dem Burgund und dem Jura gab.
Nicht nur der Weinbau prägt das Burgund. Zahlreiche historische und mittelalterliche Sehenswürdigkeiten sind zu bestaunen. Das Burgund gilt als “Wiege des Christentums” und im Mittelalter als Zentrum des Abendlandes.
Nirgendwo in Frankreich gab es bedeutendere und wohlhabendere Klöster. Die Abtei von Cluny, die Kathedrale von Vézelay oder das Kloster von Fontenay sind weltberühmt.

bei Fontenay
Auch in den kleinsten Dörfern gibt es mitunter Denkmäler von kunsthistorischer Bedeutung, im Burgund vor allem romanische Klöster und Schlösser. Manchmal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Ich beginne meine Reise im sehr frühen Frühling. Es ist Mitte März als mich das Fernweh packt. Ich will nicht allzu weit weg von Freiburg, damit ich mich über die Osterfeiertage mit meiner Frau treffen kann (sie kommt wie üblich mit dem TGV angereist). Und bis ins Burgund ist es ja von Freiburg aus wirklich nur ein Katzensprung.
Und warum reist man nach Burgund, wenn man weder ein Weinkenner noch ein Weintrinker ist? Wegen der Menschen, wegen der Stille der Landschaft … und wegen der Kunst!

Beaune
Das Hôtel-Dieu in Beaune ist das Wahrzeichen der Stadt und wurde Mitte des 15. Jahrhunderts als Armenhaus erbaut. Es ist noch schöner und beeindruckender als der Herzogspalast von Beaune. Es war vermutlich eines der ersten Krankenhäuser Frankreichs. Das Gebäude mit den für das Burgund typischen glasierten Ziegeldächern beherbergt ein Museum mit bemerkenswerten Schätzen. Und eines der größten Weingüter von Beaune gehört zum Hôtel-Dieu. Jedes Jahr im November findet eine bedeutende Weinauktion statt. Der Erlös aus dem Verkauf wird seit jeher für den Unterhalt des Hôtel-Dieu und des angrenzenden Altenheims verwendet.

Beaune – Hôtel-Dieu

Beaune – Hôtel-Dieu
Ich betrete die Krankenstation und vergesse sofort, dass ich mich in einem ehemaligen Armenkrankenhaus befinde. So viel Prunk erwartet man normalerweise in einem Palast. Ich würde eher edle Damen in Samt und Seide erwarten, als dass hier Kranke auf Holzkrücken behandelt werden.

Beaune – Hôtel-Dieu

Beaune – Hôtel-Dieu
Ein Stadtbummel entlang der alten Stadtmauer lohnt sich. Weinliebhaber sollten sich einen Besuch im Weinmuseum nicht entgehen lassen und auch kulinarisch ist Beaune bestens aufgestellt. Wie fast immer in Weinbaugebieten ist das Essen von besonderer Qualität. Allerdings nicht ganz billig.

Beaune

Beaune
Entlang der Côte d’Or, die sich zwischen Beaune und Dijon erstreckt, fahre ich durch die im Frühling erwachenden Weinberge in die Hauptstadt Burgunds. Zwischen den Rebstöcken zeigt sich frisches Grün, sogar einige Löwenzahnblüten bilden leuchtend gelbe Farbtupfer in der Landschaft. Die Winzer beginnen mit der Pflege der Weinberge und dem ersten Rebschnitt.
Mich zieht es nach Dijon, die prachtvolle Residenzstadt der Herzöge des Burgund und lebendige Universitätsstadt mit vielen malerischen, mittelalterlichen Gebäuden. Und mit viel Fachwerk. Wohin ich schaue, überall gibt es etwas zu bestaunen.

Dijon

Dijon
Im Herzen der Stadt, in der Rue Musette, ragt die eigenwillige Fassade von Notre-Dame in den Himmel. Schlanke Säulen streben nach oben, fantastische Wasserspeier zieren die Fassade der schönsten gotischen Kirche Burgunds.

Dijon – Notre-Dame de Dijon

Dijon – Notre-Dame de Dijon

Dijon – Notre-Dame de Dijon
In der Kirche kann ich eine der ältesten Mariendarstellungen Frankreichs bewundern: Notre Dame de Bon Espoir. Eine “Schwarze Madonna” aus Eichenholz. Um 1500 wurde ihr Gesicht schwarz bemalt, man glaubte, dass dies der Mariendarstellung mehr Kraft verleihen würde. Erst 1945 wurde die schwarze Schicht wieder entfernt und die ursprüngliche rotbraune Madonna kam zum Vorschein.

Dijon – Notre Dame de Bon Espoir
Auf dem linken äußeren Stützpfeiler in der Rue de la Chouette ist eine kleine Figur, eine polierte Eule zu sehen. Wer sie mit der linken Hand berührt und die rechte Hand aufs Herz legt, kann sich etwas wünschen. Ob es in Erfüllung geht?

Dijon – Eine Eule als Glücksbringer

Dijon – Eine Eule als Glücksbringer
Wenn ich den Namen Dijon höre, denke ich zuerst an den gleichnamigen Senf. Tatsächlich wurde der Senf in Dijon erfunden. Allerdings ist der Name Dijonsenf nicht geschützt, sondern nur das Rezept, nach dem er hergestellt wird. Typisch für die Weinregion Burgund wird er nämlich aus Traubenmost und nicht aus Essig hergestellt.
Die kleinen familiären Senfmühlen sind jedoch längst aus Dijon verschwunden. Die industrielle Konkurrenz war einfach zu groß. Die beiden aus Dijon stammenden Senfhersteller Maille und Amora haben fusioniert und produzieren in einer Fabrik in einem Vorort von Dijon.
Die Souvenirläden sind voll von Senfgläsern. Vor dem Kauf sollte man aber genau auf das Etikett schauen. Oft kommt der Senf nicht mehr aus Dijon, sondern aus dem Ausland.
Überall im Burgund sieht man die prächtigen bunten Dächer der Häuser. Auf Schlössern, auf Kirchen und Kathedralen, manchmal sind sogar die Dächer der einfachen Stadthäusern damit gedeckt. Das einstige Status- und Machtsymbol hat auch das Bürgertum erreicht. Und die Herstellung der glasierten Dachziegel machte das Burgund reich.

Vorbei am Schloss Commarin fahre ich auf Nebenstraßen Richtung Westen. Kleine Serpentinen schlängeln sich die sanften Hügel hinauf, sogar einige kleine Pässe sind zu überwinden. Die Gegend ist überraschend bergig, manchmal sogar schroff. Ich stelle mir vor, wie schön die Landschaft im Sommer und Herbst sein muss. Die weiten Felder sind durch Hecken parzelliert, sogar die hübschen, blonden Kühe (Blonde d’Aquitaine) dürfen schon auf die Weide.

bei Nuits-Saint-Georges

bei Commarin
Die Region ist geprägt durch eine Vielzahl an Burgen und Schlössern. Die braunen Schilder der Fremdenverkehrsämter weisen alle paar Kilometer auf eine weitere Sehenswürdigkeit hin. Kunstliebhaber finden im Burgund eine schier unerschöpfliche Quelle an Sehenswürdigkeiten.

Schloss Commarin
Aber mich zieht es nach Flavigny-sur-Ozerain! Aus zwei Gründen: Das Städtchen ist bekannt für seine leckeren Anisbonbons. Und hier wurden die wichtigsten Szenen des wunderbaren Kinofilms “Chocolat” gedreht.
Ich suche lange, bis ich das Haus finde, in dem Vianne im Film ihren Pralinenladen hatte. Nichts zu finden! Ich erinnere mich noch genau an die Szene im Film … aus der Kirche heraus, ein Stück den Berg hinunter, und dann war da auf der linken Seite die Chocolaterie von Vianne. Und den Laden gibt es immer noch! Aber so klein und unscheinbar und traurig, dass ich sehr enttäuscht bin. Leider ist der Laden geschlossen und verwaist. Die Scheiben des ehemaligen Schaufensters sind schwarz vor Ruß, aber es gelingt mir, hinein zu fotografieren. Es ist ein seltsames Gefühl, an diesem Ort zu sein. Heute Abend werde ich mir den Film ansehen!

Flavigny-sur-Ozerain – Filmkulisse “Chocolat”

Flavigny-sur-Ozerain – Filmkulisse “Chocolat”
Im 8. Jahrhundert erlangte Flavigny durch die Gründung der Benediktinerabtei große Bedeutung. Heute besticht das Dorf durch seine schönen Bürger- und Handwerkerhäuser. Ein Spaziergang durch die steilen Gassen und über die oft unwegsamen Treppen ist sehr interessant und unterhaltsam, kann aber auch sehr anstrengend sein.
An manchen Tagen wird der Ort von Filmliebhabern regelrecht überrannt. Doch an diesem Frühlingstag ist davon nichts zu spüren. Als ich in der Klostergaststätte zu Mittag esse, sitzen außer mir nur wenige andere Gäste an den Tischen. Von der Besitzerin erfahre ich, dass in der Küche ausschließlich Produkte aus der Region verarbeitet werden, die täglich frisch geliefert werden.
Und dass es heute als Vorspeise etwas mit Schnecken gibt. Ich entscheide mich sofort für das Menü ohne Vorspeise und nur mit Nachtisch. Gleich zu Beginn bekomme ich ein leckeres “Amuse-Gueule” (oder vornehmer “Amuse-Bouche”), einen “kleinen Gruß aus der Küche”. Eine Art Püree mit viel Knoblauch. Und Madame fragt mich später, ob mir die Schneckenpastete geschmeckt hat!
Als ich in Flavigny-sur-Ozerain betrete, rieche ich es schon: Es duftet nach Anis. Und dieser feine Duft kommt aus der alten Abtei. Hier werden sie produziert, “Les Anis de Flavigny”. Köstliche Bonbons mit einem Kern aus Anis. Sie sind erbsengroß. Und steinhart. Das Rezept ist natürlich streng geheim. Und sie werden in wunderschönen Blechdosen verkauft.

Flavigny-sur-Ozerain – Abtei

Flavigny-sur-Ozerain – Abtei
In Alise-Sainte-Reine fand eine berühmte Schlacht zwischen den Römern und den Galliern statt. Caesar siegte und die römische Herrschaft über Gallien begann. Genau an dieser Stelle wurde der MuséoParc Alesia errichtet. Interessante Führungen erklären die Eroberung Galliens durch die Römer.

MuséoParc Alesia
Aus einer großen Schleife des Flusses Armacon erhebt sich die Silhouette von Semur-en-Auxois auf einem steilen Felsen über dem Tal. Ich verschiebe den Bummel durch den Ort und gehe erst einmal in ein Café, um das Städtchen und die Menschen auf mich wirken zu lassen. An einem sonnigen Frühlingsmorgen sitze ich auf einem kleinen Platz und genieße die Atmosphäre der Stadt.

Semur-en-Auxois

Semur-en-Auxois
Das Städtchen mit seinen hübschen Häusern, den steilen Gassen und Plätzen ist schnell durchstreift. Mich zieht es weiter zu einer im Burgund einzigartigen Klosteranlage, nach Fontenay.
Die im 12. Jahrhundert gegründete Zisterzienserabtei liegt abgeschieden in einem ruhigen Tal. Die beeindruckende Klosteranlage ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Burgunds. Hier wurden einst die strengen Ordensregeln und die Askese des Bernhard von Clairvaux gelebt.

Abbaye de Fontenay

Abbaye de Fontenay
Mich beeindruckt die harmonische Schlichtheit der Klosteranlage. Diese war auch das Vorbild für das klösterliche Leben. In einer für mich unvorstellbaren Einfachheit stand nur das geistliche Leben im Mittelpunkt der Mönche.

Abbaye de Fontenay

Abbaye de Fontenay
Auf einem breiten Bergrücken liegt das Städtchen Vézelay. Als ich mich Vézelay nähere, ist die Abtei und spätere Wallfahrtskirche “Sainte-Marie-Madeleine” schon von weitem zu sehen. Vor mir liegt, in einem nach einem Regenschauer fast unnatürlichen Licht, einer der größten Schätze Frankreichs.
Seit fast 800 Jahren kommen Könige, Heilige und Pilger nach Vézelay. Heute sind es vor allem Kunstliebhaber, denn die Skulpturen der Kirche sind weltweit einzigartig. Zum Wallfahrtsort wurde Vézelay, als die Reliquien der Maria Magdalena von Jerusalem nach Vézelay kamen. Vézelay wurde zur Hochburg des Christentums.

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine
Als ich das riesige Kirchenschiff betrete bin ich begeistert. Und demütig. Der Blick durch das Mittelschiff zum Chor ist überwältigend. Was für ein unglaublich schönes Bauwerk!

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine
In der Vorhalle der Kirche befindet sich eines der schönsten romanischen Tympana. Erstaunlicherweise hat es die meisten Beschädigungen der Französischen Revolution unbeschadet überstanden, so dass man ihm nicht ansieht, dass er schon fast 800 Jahre alt ist.

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine – Vorhalle

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine – Seiteneingang

Vézelay – Sainte-Marie-Madeleine
Den Rest des Reiseberichts könnt ihr auf meiner Blogseite lesen: --> Link
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