Heute ist erst der neunte Urlaubstag, ging es mir durch den Kopf, als ich noch mit geschlossenen Augen dem Erwachen des Tages lauschte, und wir haben schon so viele Eindrücke gesammelt.
Mit dem heutigen Tag beginnt eigentlich ein zweiter Urlaub, der wieder ganz anders sein wird. Und all das ist nur möglich, weil wir mit dem Wohnmobil unterwegs sind; wir sind mobil, flexibel, unabhängig, für jedes Wetter gerüstet und mit genügend "Kofferraum" auch in der Lage, für alle geplanten Unternehmungen die notwendige Ausrüstung mitzunehmen, dazu ist es noch bequem, Waldameise ist nicht in einen Schlafsack weggeschlossen und vernünftig frühstücken kann man auch.
KAFFEE!
Dieser Gedanke verscheuchte den Rest an Schlafwilligkeit und ich sprang leichtfüßig, federnd aus dem Bett - ok, ertappt - die Beine waren ziemlich steif und ich krabbelte Richtung Naßzelle. Kein Wunder, soviel wie in den letzten Tagen bin ich vielleicht vor über 30 Jahren bei der Bundeswehr gelaufen - und man wird nicht jünger.
Wohl deshalb hat Waldameise darauf bestanden, daß wir bei der Überführung des Womos, vom Pindos zum Limni Vegorritis, erst nur 10km weit fahren, bis nach Konitsa, um uns dann - sozusagen zum Abgewöhnen, ein wenig die Füße zu vertreten.
Wir verabschiedeten uns vom Voidomatis, welcher von der Türkenbrücke nach Norden strebt, um sich nach wenigen Kilometern mit dem von Osten kommenden Aoos zu vereinigen. Der Aoos fließt weiter nach Nordwesten, um an der albanischen Adriaküste als Fluß Vjosa in das Mittelmeer zu münden.
Um nach Konitsa zu gelangen, fuhren wir am frühen Morgen den Aoos flußaufwärts. In der letzten Nacht gab es einen Wetterwechsel mit heftigen Gewittern in den Bergen. Der Himmel hatte sein Blau verloren und zeigte sich verschleiert, die Luft war schwül und trübe.
Über dem uns entgegenfliesenden Aoos bildeten sich träge Nebel.
Das Ziel der geplanten Wanderung war das auf einer Felsnase stehende, hoch über dem Aoostal thronende Kloster Stomio. Der Weg dorthin verläuft südlich des Flußes, deshalb bogen wir vor Erreichen der Stadt Konitsa rechts ab und gelangten über eine durch Steinschlag gefährdete Straße an die Brücke von Konitsa.
Das also ist die bekannte osmanische Bogenbrücke, mit der Festungsanlage am anderen Ende. Ich habe schon viele Bilder davon gesehen, aber man muß selbst davor stehen, um die Wirkung des der Zeit trotzenden Bauwerkes zu spüren.
Am Fuß der Brücke erspähten wir einen kleinen freien Platz, der sofort zum Stellplatz erklärt wurde. Das Heck des Womos schon etwas im Gebüsch - so sind die Fahrräder nur schwer zugänglich - ragt die Nase von "Apollo 13" nicht mehr in den Fahrweg.
Aus der Heckklappe waren schnell die nötigen Utensilien hervorgekramt, welche uns erneut in Wanderer verwandelten und es konnte losgehen.
Waldameise sichert erst einmal, die Luft ist rein, wir können losmarschieren.
Und wieder einmal vibrierte die Luft von Licht. Die leichte Trübung sorgte für eine dramatische Staffelung der verschiedenen Höhenzüge und schuf eine grandiose Tiefe.
Der Blick hing so sehr an der im morgendlichen Gegenlicht verzauberten Landschaft, daß ich die Wunde, welche die Straße dem Tal zufügt, die meiste Zeit nicht sah. Weiter flußaufwärts gibt es eine Stelle, an welcher Wildwasserbote zu Wasser gelassen werden können, und irgendwie müßen die Transporter dort auch hinkommen. So hat im Leben alles seinen Preis.
Wir tragen seit Verlassen der Meere den Ozean immer noch in uns. Kommt es daher, daß Wasser eine geradezu magische Kraft auch mich ausübt?
Jedenfalls konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, immer wieder über die wenigen Meter Felsgestein zu klettern, welche die Straße vom Bett des Aoos trennen.
Über den weiteren Weg gibt es nicht viel Neues zu erzählen. Nur, daß im Reiseführer etwas von einem kleinen Maultierpfad stand und wir bis zum Kloster auf einer befahrbaren Schotterpiste marschierten.
Das Kloster selbst ist klein und macht nicht besonders viel her, aber der Platz, auf dem es steht, der ist einmalig. Ja, darin haben sie Talent, die Griechen, im Auffinden der schönsten Plätze für ihre Klöster.
An der dem Tal zugewandten Seite des Klosters befindet sich, an der Spitze der Felsnase, ein großes hölzernes Kreuz, ein idealer Platz, um wieder einmal andere Gedanken zu denken.
Von dort oben hat man, wie aus einem Adlerhorst, einen schwindelerregenden Einblick in beide Richtungen des Aoostales.
Waldameise war es, die beim Aufstieg bemerkte, dass die Serpentinen der Schotterstraße immer wieder von Fußpfaden gekreuzt wurden. Auch die im GPS aufgezeichnete Spur war nicht wirklich mit dem eingezeichneten Wanderweg in Deckung..
Das könnte bedeuten... das wäre einen Versuch wert?
Auf dem Rückweg verließen wir bei der ersten Gelegenheit die Schotterpiste und folgten dem Fußpfad in das Dunkel des Waldes. Unglaublich, umhüllt von Zweigen und Blättern, auf weichem Waldboden, nur wenige Meter von der Straße entfernt, war man in einer anderen Welt.
Der Weg zurück war kein Vergleich mit dem Hinweg, in jeder Hinsicht.
Wir waren die unattraktive Schotterpiste los, damit leider auch den Aoos.
Und der Maultierpfad war viel, und ich betone - viel - schweistreibender, dafür aber unglaublich aufregend.
Ja, wir hatten ihn gefunden, jenen alten Maultierpfad, der Felsnasen nicht einfach wegbaggerte, sondern umlief, wenn das auch bedeutete, dass man von beinahe Talsole bis beinahe Oberkante der Schlucht hinauf musste.
Es gab einige Stellen, an welchen man am besten nicht strauchelte,
und immer wieder gab es Zeugnis davon, daß dieser Weg über viele Jahre mit einfachen Mitteln gangbar gemacht und erhalten worden war, nach dem Bau der Straße dürfte sich das leider ändern.
Nach weiterem auf und ab, über teilweise von Büschen zugewachsene Pfade, alle frisch gesponnenen Spinnweben erntend, erreichten wir kurz vor der Brücke wieder die Straße, welche uns erst vor wenigen Stunden in das Aoostal hinein führte.
Unser Womo wartete geduldig, wir nahmen ihm die Augenbinde ab, verstauten die Wanderer wieder in der Heckklappe und studierten bei kühlen Getränken unsere Reiseunterlagen.
Nach dem Ablegen ging es zuerst nah an der albanischen Grenze entlang, in Richtung Nordosten dem Fluß Sarantaporos folgend, bis nach Theotokes.
Unterwegs probierten wir einmal mehr die Schuhe des Herrn Schulz, und siehe, sie schlabberten nicht mehr ganz so sehr um unsere Füße, wie sie das am Anfang unserer Reise taten, aber eine Nummer zu groß waren sie immer noch. Stand doch in dem Reiseführer, daß es im Sarantaporos herrliche Badegumpen gäbe. Ja, sie gibt es immer noch, allerdings haben die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt; die Fahrt zu den beschriebenen Stellen zwang uns manchmal Wendemanöver auf, die nur durch mehrmaliges 20cm weites "Vor und Zurück" gelangen.
Eine dieser Stellen wurde durch interessante Brücken geziert, eine willkommene Abwechslung vom Kilometerfressen auf der anscheinend nur von LKWs befahrenen Route in Richtung Thessaloniki.
Was mich auf dieser Strecke immer wieder fasziniert, das ist diese Landschaft, die mich an die nordamerikanischen Canyons erinnert. Bizarre Auswaschungen formen die Hänge zu skurrilen Gebilden, das besondere hier, im Norden Griechenland, ist die Farbe des Gesteins. Von düster bis beinahe schwarz, reicht die Färbung.
Dort, wo die nackten Felsen zu sehen sind, glänzen die Flanken speckig, wie Kohle.
Wir haben uns - dem Womo sei Dank - zwei kleinere Brocken von diesem Gestein mitgenommen.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, daß das Gestein sehr vielfarbig ist, von schwarz, über dunkelblau, dunkelgrün, jadefarben bis gelbgrün.
Bei Theotokos schwenkt die Straße Richtung Osten, der Verkehr ist gering, der Tempomat steht auf beschaulichen 80 km/h, so muß ich vor den Kurven nicht bremsen.
Das gleichmäßige Brummen des Diesel fordert seinen Tribut, Waldameise schläft den Schlaf der Gerechten, mich hält das Fahren wach.
So erreichen wir Neapolis.
Und da geschieht es wieder; Waldameise wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.
Sie macht die Augen auf, "Hier muß gleich diese kleine Garküche kommen, von welcher wir so begeistert sind!", ruft sie aus, ich hätte eher "wo sind wir?" gestammelt.
Ich kann mich zwar gut an diese Garküche erinnern, aber Neapolis bringe ich damit nicht mehr in Verbindung, geschweige denn eine wuselige Durchgangsstraße, wie sie in jeder kleineren griechischem Stadt existiert.
Hoffentlich hat sie recht, denke ich noch, und schon kommen genauere Navigationsangaben.
Was soll ich sagen, sie hatte recht, eben fuhren wir daran vorbei.
Also wird gewendet, in diesem Tumult eine kleine Herausforderung, dann versuchen wir einen Parkplatz zu finden, das war eher eine große Herausforderung.
Wir fuhren langsam an jeder Seitenstraße vorbei, nach einer ausreichend großen Parklücke spähend.
Das perfekte Timing beachtend, nahm die Besatzung eines französischen Womos die Weiterfahrt auf, genau vor unserer Nase, na, wo die Platz hatten, da passen wir zweimal hinein; Merci!
Danke Waldameise, ohne dich wäre ich an diesen Köstlichkeiten vorbeigetuckert.
Nach dem Essen trieb es uns weiter nach Norden, an die Südspitze des Kastoriasees, von dort gen Nordosten, bis an die Westseite des Limni Vegorritis, nach Aghios Panteleimo.
Der Reiseführer nannte in dieser Stadt einen aufgegebenen Campingplatz, dessen Terrassen nach wie vor als freier Stellplatz genutzt werden können.
Wir fanden schnell den Schotterweg, welcher von der Hauptstraße abzweigte und sich weiter abwärts, Richtung Seeufer, schnell den Blicken entzog. Ameise übernahm die Erkundung, während ich im Womo wartete.
Sie war schnell wieder zurück und brachte frohe Kunde, wir seien richtig, laut Auskunft eines hier wohnenden Griechen darf man den Platz benutzen und der Grieche saß auf einem Traktor; das muß man sich merken, auch wenn der blaue Himmel vorerst nicht mit Regen drohte.
Vom nach unten führenden Weg konnte man nach rechts, in die für jeweils ein Womo geeigneten ebenen Stellplätze, einbiegen. Der Untergrund bestand aus Gras und das Gras war kurz gemäht. Ich muß schon sagen, für einen kostenlosen Stellplatz, an diesem schönen See ,war das mehr, als ich mir je hätte träumen lassen.
Wir übernachten in einer Stadt, na dann, wie wäre mit einer netten Taverne? Ich höre keine Gegenstimmen, somit gilt der Vorschlag als Beschlossen; wer sagt denn, daß man von unseren Politikern nichts lernen könnte.
Wieder oben auf der Straße, diesmal "me ta podia", konnte man links gehen, oder nach rechts gehen, oder den Blick geradeaus und nach oben lenken..
Auf dem langen Balkon des Hauses saß in der nachlassenden Tageshitze eine kleine Gruppe Griechen, die unser Tun genau beobachtete. "Kalimera sas, ti kanete?" Das ist die reinste Zauberformel, wenn man mit Griechen in's Gespräch kommen möchte. Zum einen sehen sie es gerne, wenn man sich um ihre Sprache bemüht, zum anderen ist die Höflichkeitsform ein gern gesehener Respektbeweis. Und das Repertoire eines ernsthaften Touristen sollte solche Floskeln auf jeden Fall beinhalten.
Meinen erhobenen Zeigefinger wieder nach unten nehmend, gestehe ich ein, daß der sich anschließende "Informationsaustausch" mit griechisch nicht mehr viel gemein hatte.
Bis schließlich einer der älteren Herren demonstrierte, daß von seinem langjährigen Deutschlandaufenthalt noch respektable Sprachkenntnisse übrig geblieben waren.
So war das Wesentliche schnell geklärt; ja, es gibt zwei gute Restaurants, eines die Straße rechts runter, aber von hier aus nicht zu sehen, das andere links gelegen und nur 100m entfernt.
Lauffaul gaben wir dem nahegelegenen Haus den Zuschlag. Eigentlich war es ein mehrere Häuser umfassendes Anwesen, mit bunt angestrahltem Springbrunnen aber unglaublich netten Bediensteten.
Nun ja, sieht schon sehr touristisch aus, bemäkelte ich, aber sonst war's nicht schlecht.
Dabei war die Wahl ein Volltreffer. Touristisch ja, aber eben nicht international. Der Limni Vegorritis ist der größte See Griechenlands ein ein beliebtes Ziel für Ausflügler. Wir erhielten einen Platz auf einer überdachten Terrasse, und gegen später wurde es durch den aufkommend Wind sehr frisch, wir wurden deshalb gebeten, uns in eine bestimmte Ecke der Terrasse zusammenzusetzen, die einzelnen Abschnitte waren bei Bedarf durch herunterlassen von Zeltbahnen abschottbar.
Das fing gut an, ging gut weiter (typische Essensfolge und alles sehr schmackhaft) und hörte noch besser auf, nämlich so: "Wie wär's, Waldameise - einen Absacker zum Schluß?", "Da sage ich nicht nein". Mich an die Bedienung wendend, " Wir hätten gerne noch zwei Tsipporo".
"Oh, ich bitte vielmals um Entschuldigung, das war mein Fehler, kommt sofort!"
Beim Bestreben, von dem drei Finger hoch das Wasserglas füllende Getränk möglichst jeden Tropfen zu verwerten, überlegten wir, warum sich der Kellner entschuldigte. Als die angeforderte Rechnung den Schnaps nicht enthielt, wurde unsere Vermutung zur Gewissheit; ein letzter Schnaps auf Rechnung des Hauses gehört auch hier zum guten Ton.
"Efkaristo para poli!" Sind wir mal wieder in der Nähe, kommen wir ganz sicher wieder.
Samstag, den 31. Mai
Wir haben gut geschlafen, am See, fiel auch das Einschlafen etwas schwer, da der Weg, an den Terrassen vorbei, zum Seeufer und den dortigen Weiden führte, und so ein Traktor, der den Berg hinaufschnauft, ist nur schwer zu Überhören.
Mittlerweile mit den Eigenheiten des modernen Nomadentums vertraut, brauchten wir nur kurze Zeit, um ungestresst wieder die Straßen entlang zu segeln, welche uns, dank der neuen Umgehung, schnell an Thessaloniki vorbei brachten, immer weiter nach Osten, Richtung Drama.
Nachdem wir nördlich an Chalkidiki, von West nach Ost, vorbeigerauscht waren, trafen wir kurz vor Asprovalta, am Golf von Strimonikos, wieder auf die Meeresküste.
Leider wollten wir uns diesmal nicht die Zeit nehmen, den kurzen Abstecher in das südlich liegende Stagira, dem Geburtsort des Aristoteles, zu machen. Ich mag diesen Denker deshalb so besonders, weil er die von ihm vorgefundene Philosophie vom Kopf wieder auf die Beine stellte.
Nach Aristoteles fängt man nicht beim ersten Beweger an und denkt sich von Gott aus nach unten, sondern man fängt an, bei dem was man sieht, und denkt sich durch Abstraktion zu immer allgemeineren Begriffen in der Pyramide nach oben, bis hin zu Gott, oder wen man will, der vereinheitlichten Theorie für alles. So begründete Aristoteles das wissenschaftliche Denken.
Aber jetzt schweife ich doch ziemlich ab, warum ich das überhaupt geschrieben habe, nun, vielleicht kann das zumindest teilweise mein besonderes Interesse an Griechenland erklären.
Auch wenn wir diesmal nicht dort waren, erlaube mir ein Bild eines früheren Treffens zu zeigen:
Also gut, nicht nach Stagira, sondern nach Asprovalta. Dieser Ort liegt an einem der wenigen Badestrände Mazedoniens und ist touristisch gut bekannt. Bisher bin ich immer mit sehnsüchtigen Blicken auf die sich im Wasser tummelnden Glücklichen an diesem Strand vorbeigefahren.
Diesmal, dank unserer fahrbaren Dusche, ist Salzwasser kein Problem mehr. Ein Blick in Waldameisens braune Augen, und es war beschlossene Sache. Wir fanden die richtige Zufahrt zum Strand, sie war unmöglich zu verfehlen, da aufgereihte Wohnmobile signalisierten, hier kann man stehen und suchten uns einen freien Platz, mit ausreichendem Abstand zu den Nachbarn.
Und jetzt kommt etwas, was ich auch loswerden muß. Zum ersten mal in meiner kurzen Womo Karriere, traf ich mehrere Gleichgesinnte in freier Wildbahn, und - wie soll ich es sagen, es war deprimierend.
Das erste Womo, an dem wir vorbei mußten, hatte ein deutsches Kennzeichen, wir lächelten freundlich, nickten mit dem Kopf (die Hände blieben am Lenkrad), aber der Herr in Badehose, auf seinem Stuhl, neben dem Womo, die Bierdose in der Hand, Sonnenbrille auf der Nase, den Mund offen, war nur in der Lage, seinen Kopf zu drehen, um uns beim Vorbeifahren nicht aus den Augen zu verlieren.
Urgs!
Hat da jemand irgendwelche unflätigen Sprüche auf's Äußere unseres Womos gesprüht? Oder, sahen wir aus, als ob wir im seinen Stellplatz streitig machen wollten?
Hier wurde das Klische des biertrinkenden Teutonen bilderbuchmäßig bedient, wie das wohl auf die Griechen wirkt?
Ich muß mir das Gesehene noch einmal durch den Kopf gehen lassen, es kann ja sein, daß ich von falschen Voraussetzungen ausgehe.
Na egal, war sicher eine Ausnahme.
Auch wir fanden unser Plätzchen, in genügendem Abstand, kurbelten in diesem Urlaub zum ersten Mal den Schattenspender aus und kramten nach den Stühlen. "Verdammt, das muss besser werden!", entfuhr es mir, nachdem ich an die Stühle erst nach Herausnehmen der Fußablagen kam, an diese aber erst nach Entladen des Trockenständers, dieser war durch die Auffahrkeile verbaut.
Als Lehrling in Sachen Womo hat man es nicht leicht, aber es wird.
Die Stühle stehen draussen, wer sagt's denn.
Der Waldameise hat die Zeit gereicht, um für den Besuch des Meeres die passende Garderobe zu finden.
Das Wasser war angenehm und der Umstand, spontan die Fahrt unterbrechen zu können, um einfach in's Meer zu hüpfen, hob unsere Stimmung ganz gewaltig. Wir tollten wie die Kinder, übten Unterwassersaltos und lauter so Zeugs, ich kann nur hoffen, daß vorhandene Beobachter jetzt nicht uns befremdlich angesehen haben.
Genug geplanscht, wir müßen weiter, wollen wir heute noch in Hamokerasa ankommen. Aber für ein kleines Mahl, es gab wieder den "Griechenlandurlaubsklassiker", und einer kurzen Siesta war muß die Zeit einfach reichen.
Und weiter ging es , auf der alten Straße, Richtung Osten bis zur Brücke über den Strimonas, in der Nähe von Amphipolis.
Hier kommen wir nicht vorbei, ohne dem Beherrscher der Wüste unsere Aufwartung zu machen.
Der Löwe von Amphipolis ist an die 6m hoch, unter seinen Pfoten krabbelt Waldameise vorbei und demonstriert so vorzüglich die riesige Dimension des Standbildes.
Über die Fahrt nach Drama gibt es nichts Besonderes zu berichten. Unser Womo nahm die direkte Route nach Drama unter die Räder, die Küstenstraße, über Kavala, wäre ein zu großer Umweg gewesen, aber sicher reizvoll.
Drama empfing uns mit dem üblichen Temperament griechischer Städte. Alles was Räder hatte schlich, fuhr, flitzte durcheinander. Man muß nur langsam aber zielstrebig seinen Weg fahren, und Geduld haben, dann geht alles wie am Schnürchen.
Am Ende von Drama steigt die Straße ein kurzes Stück bergan, oben angekommen hat man die Wahl, geradeaus in Richtung Kavala zu fahren, oder nach links, Richtung Xanthi abzubiegen. Wir bogen ab, unser Ziel war das weitgehend unbekannte Dorf Hamokerasa. Es liegt ca. 7km hinter Nikiforos.
Folgt man, kurz vor Erreichen von Hamokerasa, noch vor dem Bahnübergang, der Abzweigung nach rechts, kann man über Paliampela nach Hamokerasa fahren. Diese Strecke ist etwas holperig, aber landschaftlich um einiges schöner.
Hamokerasa! Endlich.
Mich binden private Bande an dieses Dorf und entsprechend herzlich fiel die Begrüßung aus.
Nach genügend Umarmungen, die Ringern alle Ehre gemacht hätten, wurde die Frage der Übernachtung geregelt. Die Straßenbauer hier im Ort, haben bei der Planung ganz sicher nicht an Womos gedacht. So gibt es ein Problem. Die Straßen sind entweder schmal, oder steil, meistens jedoch beides. Eine Ausnahme bildet die Hauptstraße, welche 200m lang ist und waagrecht, nur nicht breit genug, um ohne Behinderung ein Womo darauf abzustellen, neben der Straße sah das schon besser aus. Perikles, unser "alter Grieche", den wir besuchten, rief über den Zaun, "Nachbar, alte Kanack, mein Besuch muß das Auto hier abstellen, hast du was dagegen?".
Alte Kanack - das ist einer der Lieblingsausdrücke von Perikles, sowie auch "MilioneGranadeLiebe" einer ist. Der Nachbar hatte nichts dagegen, war wohl eher stolz, dem Besuch des Perikles etwas Gutes tun zu können.
So ergatterten wir ein tolles Plätzchen unter dem Nussbaum.
Der Rest des Tages verging schnell, es gab viel zu erzählen. Wir spülten die weniger gut gelungenen griechischen Worte mit Ouzo runter, Perikles tat es so mit seinen misslungenen deutschen.
Na dann, gute Nacht.
Sonntag, den 1. Juni
Perikles ist in der kleinen Kirche des Ortes für den Verkauf der Kerzen zuständig. Wir haben ihm, gestern abend, nach dem dritten (oder vierten?) so richtig misslungenen griechischen Wort versprochen, einmal dem orthodoxen Gottesdienst beizuwohnen.
Um 07:00 Uhr läuteten die Glocken!!
Um 07:30 waren wir in der Kirche, beinahe die einzigen.
Was wir nicht wußten, die Griechen nehmen es mit dem Gottesdienst nicht so genau, man kommt wann man will, begrüßt kurz die anwesenden Nachbarn, bleibt kurze Zeit und geht wann man will.
Nur wir trauten uns nicht zu gehen. Wir hatten das Gefühl, daß wir genau beobachtet wurden, hielten also tapfer durch.
Die vielen Kreuze, keine Ahnung wann und wie viele, überhaupt, ich habe so gut wie kein Wort verstanden.
Um 11:00 war die Kirche aus.
Ich glaube, das muß jetzt wieder für eine Weile reichen.
Allerdings, was mir gefallen hat, das ist eben dieser ungezwungene Umgang, die Kirche ist für die Menschen da, und dann der Gesang auf griechisch, das hat was.
Perikles Schwester, Fostira, wohnt in einem Nachbardorf, in einem großen Haus, mit eigenem kleinen Olivenhain und Blumen an jeder erdenklichen Ecke.
Dort waren wir herzlich willkommen, aber erst, nachdem wir die erste Schelte über uns haben ergehen lassen: "Das nächste mal kommt ihr zu mir, nicht zu dem alten Mann, hier gibt es Platz, und ein Stellplatz im Hof gibt es auch, nur dürft ihr dann nicht im Auto schlafen ..." und so weiter und so fort. Die gute Seele.
Alter Mann - das hat Perikles nicht besonders gefallen, so gab es, wie unter Geschwistern üblich, Händel.
Danach kam, was kommen mußte, von mir halbherzig gefürchtet, heiß geliebt.
Fostira demonstrierte ihre Version von "bissele Essen"!
Der Kaffee wurde draußen serviert.
Was schaut Waldameise so sehnsüchtig?
Ich befürchte, zu hause könnten Vorschläge eingereicht werden, wie: "Die schrecklichen Pflastersteine im Hof, überall nur Steine. Man könnte doch ... ", "Nein, liebe Waldameise, Olivenbäume wachsen bei uns nicht..."
Montag, den 2. Juni
Hier, in Hamokerasa, ließen wir die Seele baumeln und verbrachten viel Zeit damit, nichts zu tun.
Nur ganz ohne, geht es dann doch nicht.
Deshalb haben wir uns heute vorgenommen, mit Fostira und Perikles eine kleine Ausfahrt zu machen, so kamen die zwei weiteren Sitze des Womos auch zu Ehren.
Wir fuhren zum Nestos.
Der Nestos entspringt kurz hinter der Grenze, in Bulgarien, um dann südöstlich der Quelle, bei Paranesti, die Straße von Drama nach Xanthi zu kreuzen. Von dort folgt er der Straße bis Stavroupoli.
Ab hier wird es interessant.
Nach Süden schwenkend, fließt er, nur von einer verwegenen Eisenbahnlinie begleitet, durch tiefe Täler und bildet viele große Schleifen.
Bei Toxotes verlassen Bahn und Fluß ihr abgelegenes Tal.
Ebenfalls hier beginnt ein Wanderweg nach Norden, der am Anfang den Nestos begleitet, sich aber später in die Berge verliert. Schau man genau hin, erkennt man Waldameise, auf dem Weg über dem Tunnel.
Diesem Weg wollten wir ein Stück folgen, haben dabei aber nicht genügend dessen schlechte Beschaffenheit bedacht, die ihn für unsere Senioren ungeeignet machten.
Perikles war von den Tunnel fasziniert, ich mußte ihm versprechen, das nachfolgende Bild unbedingt zu schicken.
Was ist ein Spaziergang ohne eine Kaffeepause danach, diese gab es zunftgerecht im Wohnmobil.
Nach dem Spülen der Tassen wurden die Koordinaten von Kalambakia in den Bordcomputer getippt und Apollo 13 nahm Kurs zum nächsten Rondevouz.
Wenn sich in Griechenland, auf dem Land, Geschwister gegenseitig besuchen, scheint deren Lieblingsbeschäftigung das "Was könnte ich davon in meinem Garten gebrauchen - Spiel" zu sein. Da werden Triebe von Blumen gerissen, unreife Kirschen gepflückt, Salat geerntet oder Zwiebeln ausgegraben; nichts scheint sicher.
Hier gibt es eben eine kleine Diskussion über Topfpflanzen.
Von links nach rechts: Perikles, Anastasia, Fostira
Dagegen gab es hier keine Diskussion mehr, Perikles schaffte vollendete Tatsachen.
Dienstag, den 3. Juni
Heute war Einkaufstag. Dazu fuhren wir nach Drama. Es war spannend.
Sehr spannend.
In Drama für einen normalen PKW einen Parkplatz zu finden, ist eine nicht leichte Aufgabe.
Das mit dem Womo zu versuchen, ist Sadismus.
In den sowieso schon engen Straßen standen Lieferwagen, manchmal mußte unser Womo die Spiegel anlegen, manchmal mussten wir einfach warten.
Nach einer Umrundung des Altstadtviertels war klar, das wird nichts. So wurde der in der Nähe liegende bewachte Parkplatz bemüht, allerdings war der auch nicht für Womos ausgelegt. In solchen Fällen muss man eben etwas näher zusammenrücken, dann reicht's schon.
Wir brauchten Zutaten, die nach ihrer Verarbeitung "gefüllte Paprika" ergeben, Perikles erweiterte den Einkaufszettel um Tomaten und Zucchini.
Für heute hatte uns Fostira versprochen, zu zeigen, wie sie diese gefüllten Leckereien zubereitet.
Waldameise hat eifrig zugeschaut und als Gedächtnisstütze fleißig photographiert.
Aus der bildbandfüllenden Sammlung habe ich ein Vorher-, ein Mittendrin- und das Schlußphoto ausgewählt.
Die Vorbereitung
Die Füllung
Das Ergebnis
Mittwoch, den 4. Juni
Heute, am letzten Tag unseres Aufenthaltes bei Perikles, war wieder ein Besuch in Drama angesagt, Perikles hatte etwas auf dem Amt zu erledigen.
Um das Amtsgebäude stehen in den Grünflächen schon seit Jahren verschiede marmorne Skulpturen. Ich habe sie immer bewundert und mich gefreut, daß die Kunst solche Unterstützung fand.
Jedoch muß es eine tiefere Beziehung zu den Bildhauern geben, dachte ich mir diesmal, denn es ist sicher kein Zufall, daß gerade hier, in Drama, ein internationales Marmor-Symposium stattfand.
So etwas lasse ich mir nicht entgehen, allerdings drängelte Perikles und lies mir nicht viel Zeit, für wenige Schnappschüße hat es gereicht. Man, hier könnte ich stundenlang photographieren.
Dies hier war mein Favorit
Der Nachmittag verging beinahe unbemerkt und es wurde Zeit, sich für die Weiterreise einzurichten.
Ich kann mich noch mit Schrecken daran erinnern, wie wir als Motorradreisende die Aufgabe zu meistern hatten, all die lieb gemeinten Überlebenspackete abzulehnen, ohne jemanden zu beleidigen.
Aber diesmal - Eier? nur her damit, Salat? Ja, zwei Köpfe sind ok. Ouzo, Tsipporo? Klar, einen Eimer voll, bitte.
Das Womo wird's schon packen.
Jeder Abschied ist ein kleiner Tod,
sagt man, und da ist viel Wahres daran.
Ich mag Abschiede nicht, schon gar nicht von liebgewonnenen, alten, weit entfernt lebenden Menschen.
Also wurde aufgeschoben, was das Zeug hielt.
"Haben wir auch Alles?", "Ich schau nochmal kurz nach, ob ..."
"Sieh mal, die zwei scheinen sich zu verstehen"
Aber, es hilft nichts, wir müßen los, wir wollen heute noch bis nach Asprovalta, am Tag darauf nach Kastoria und der Tag danach wahr für die Fahrt durch Albanien vorgesehen, mit dem Ziel der kroatischen Küste.
Also, lieber Perikles, alte Kanack, mach's gut !!
(es wird noch einen Teil 3 geben)

