Ich brauchte einige Zeit, um meine Gedanken aus der Vergangenheit zurück auf die Gegenwart zu richten, Hamokerasa ist einmal mehr Erinnerung, die Straße nach Kavala bedurfte meiner Aufmerksamkeit.
Wir hatten genügend Zeit für den Umweg, da fiel die Entscheidung zugunsten der Küstenstraße leicht.
Unser nahes Ziel war der Strand bei Asprovalta, östlich der Stadt und nicht die überlaufene Flaniermeile, um diese Jahreszeit ist dort sehr ruhig, der ideale Platz für eine Übernachtung.
Nachdem wir vor der Stadt in Richtung Strand abgebogen waren, dauerte es einige Minuten, bis wir einen Stellplatz gefunden hatten.
Nein, viel war nicht los, eigentlich gar nichts, aber der freie Platz war einfach zu groß.
Kaum stand man an einer als geeignet angesehenen Stelle, sah man auch schon eine weitere, die der eben bezogenen den Rang ablief.
Die Siegerin hatte einen steinigen Untergrund, der Weg zurück zur Straße führt nicht durch Sand und war durch eine Buschreihe der Sicht von der Straße her entzogen.
Das Andockmanöver - Gashahn auf, Kühli umstellen, Sitze in Parkposition, Fenster auf und Fliegengitter runter - war mittlerweile eine Fingerübung, danach hatte ich wieder Muse und lies die Gedanken von der Leine, schnell fanden diese den Weg zurück nach Hamokerasa.
Als die Sonne hinter den Bergen verschwand, standen wir allein auf weiter Flur.
Eine friedliche Feierabendstimmung machte sich breit und nahm von uns Besitz. Wir setzten uns und leisteten den Wellen Gesellschaft, die schläfrig an den Strand rollten.
Der Blick nach rechts zeigt den Beginn der Ostküste von Chalkidiki und Spuren im Sand, von denen sicher nicht wenige von den zahlreichen Hotels der Stadt hierher und wieder zurückführen.
Wir Glücklichen hatten den einsamen Strand direkt vor dem Fenster. Noch vom Bett aus schaute ich lange Zeit auf's Meer, bis schließlich Hypnos sich meiner annahm.
Donnerstag, den 5. Juni
Die Sonne war noch hinter dem Horizont, so früh war es, das Meer war ruhig wie ein See, ein Fischerboot tuckerte vorbei, erwartungsvoll von einer Möve begleitet.
Nur wenige Schritte waren nötig, um mich nach dem Erwachen in diesem Paradies wiederzufinden.
Die aufgehende Sonne holte mich aus meinen Gedanken, sie übernahm das Regiment und die feinen Blaunuancen ertranken in flüßigem Gold.
Während des Frühstücks lief die Maschinerie "Stellplatzwechsel" langsam an und kam auf Touren.
Unser eigentlicher Plan sah vor, die kommende Nacht am Ostufer des Oridsees zu verbringen.
Der Ostteil des Sees liegt in Mazedonien (ehemaliges Jugoslawien), der Westteil in Albanien.
Dieser See ist 2-5 Millionen Jahre alt und gehört somit zu den ältesten, und mit 289m Tiefe auch zu den tiefsten Seen der Erde. In ihm lebt eine Fischart, die es sonst nirgendwo gibt.
Wir hatten die Rechnung ohne die vorgezogenen Parlamentswahlen gemacht, die am vergangenen Sonntag (1. Juni) in Mazedonien abgehalten wurden. Bei diesen kam es leider zu blutigen Zusammenstößen zwischen Mazedoniern und Albanern. Daher beschlossen wir, die direkte Grenze zwischen diesen beiden Völkern zu meiden und von Griechenland aus nach Albanien einzureisen.
Durch die Änderung der Route war das heutige Tagesziel weiniger weit entfernt, das Tagespensum des darauffolgenden Tages wurde dafür bedenklich groß.
Wir beschlossen, die kommende Nacht möglichst nahe vor der albanischen Grenze zu verbringen, allerdings nicht an den Zubringerstraßen des Grenzverkehrs. Es bot sich die Gegend um Kostoria an, von dort ist es bis zu Krystallopigi, der letzten griechischen Stadt vor Albanien, nicht sehr weit.
Für eine schnelle Anfahrt wählen wir die Route Thessaloniki, Veria, Neapolis, Kastoria, immer über Autobahnen oder gut ausgebaute Verbindungsstraßen. Nach zügiger Fahrt erreichen wir in der Mitte des Nachmittages Kastoria, wir hätten es auch locker eine Stunde schneller schaffen können. Schuld an der Verzögerung war ich.
Ich habe im Navi mit verschiedenen Karten herumgespielt, weil aber "Jugend experimentiert" hier eindeutig fehl am Platz war, dauerte es nicht lange, bis ich am Rande von Kozani die richtige Abzweigung verfehlte.
Statt drum herum ging's mitten rein!
Und die Straße war eine Einbahnstraße, und die Einbahnstraße wurde immer enger. Wir näherten uns dem Stadtzentrum, deutlich erkennbar an immer mehr hektischer Betriebsamkeit. Und wir mit dem Womo mittendrin.
Aber es ging vorwärts, die Situation zehrte schon etwas an den Nerven, wir wußten ja nicht, was vor uns lag.
Dann war die Straße zu Ende, sie stieß auf eine größere, welcher wir statdtauswärts folgten, bis sich eine Gelegenheit zum Anhalten bot. Ich habe mit besorgtem Seitenblick zu Waldameise mein Navi-Experiment beendet, sie nahm es wohlwollend zur Kenntnis. Im großen Halbkreis um die Stadt erreichten wir die fragliche Abzweigung und ich erhielt eine zweite Chance; Bingo - geht doch, auf nach Kastoria.
Am südwestlichen Seeufer angekommen hielten wir, um einen ersten Eindruck von der schönen Lage der Stadt zu gewinnen. Kastoria liegt auf einer Halbinsel, mitten im See.
Nach der vielen Fahrerei und mit üppigem Zeitpolster versehen, gönnten wir uns etwas Bewegung. Die Zufahrt zur Halbinsel war nicht schwer zu finden. Der große Parkplatz am Ende der Zufahrtsstraße hatte noch Platz für unser Gefährt, von da an bemühten wir unsere Beine.
Wie der Reiseführer verrät, ist Kastoria eine wohlhabende Stadt. Der Wohlstand beruht hauptsächlich auf der seit Jahrhunderten betriebenen Verarbeitung von Pelzen, besonders von Pelzresten.
"Hier steht, daß das Zusammennähen von kleinen Pelzresten zu größeren Tafeln immer noch von kleinen Privatbetrieben gemacht wird; diese Betriebe kann man auch besichtigen", meinte Waldameise, ja, dachte ich, nur finden muss man sie, "wir können ja mal sehen, ob wir einen dieser Betriebe aufspüren, sonst fragen wir uns einfach durch", war meine Antwort.
Wo sucht man Handwerksbetriebe? Die, welche Tradition haben, müßten eigentlich in den alten kleinen Gassen in der Nähe des Zentrums zu finden sein - war unser Gedanke, und schon ging es Richtung Zentrum, steil bergan.
Außer alten, mehrstöckigen Häusern, die am Hang klebten, alle Fensterläden geschlossen, leere Straßen und Gassen und immer noch steilere Treppen bergauf, war nichts zu erspähen. Ich wollte schon die Hoffnung begraben, da sahen wir eine halboffene Tür, geblendet durch das helle Sonnenlicht wirkte der Raum dahinter düster, aber es drangen Stimmer heraus. Na prima, endlich können wir fragen.
Bein Nähergehen sah man weiter in den Raum hinein.
Solche Augenblicke sind schwer zu Beschreiben, es ist wie das sprichwörtliche Finden der Nadel im Heuhaufen. Wir haben aus reinem Zufall einen jener kleinen Betriebe gefunden, von denen ich - als Waldameise aus dem Reiseführer vorlas - glaubte, daß diese nur noch als Touristenattraktion am Leben gehalten werden.
Als die Sprecher drinnen unsere neugierig gereckten Hälse bemerkten, wurden wir freundlich aber nachdrücklich zum Eintreten aufgefordert. Ich gestehe, mir fiel sofort ein weniger erfreuliches Erlebnis in Marokko ein, ebenfalls einer Einladung zum Ansehen von Teppichen folgend endete die Begegnung weniger erfreulich.
Aber, dachte ich, kurz schauen kann nicht schaden, und den Photographen in mir hielten sowieso keine zehn Gäule draußen.
Wir betraten einen Micro-Kosmos (nebenbei, beides sind griechische Worte).
Vier Männer begrüßten uns, alle hatten ein Lachen im Gesicht, die Werkstatt schien aus vergangenen Zeiten zu stammen.
In der Mitte des Raumes lagen die fertigen Produkte: Rechteckige Felltafeln, jede nicht ganz 2qm, aus unzähligen kleinen bis kleinsten Fellschnipseln zusammengenäht.
Durch die beim Nähen entstehenden Muster ergeben sich auf der Vorderseite ebenfalls Muster in Schattierung und Reflektion des Pelzes.
Auf diesen speziellen Pelz-Nähmaschinen werden die Schippsel auf der Rückseite so vernäht, daß die Naht auf der Vorderseite nicht sichtbar ist.
Die Einladung zum Kaffee nahmen wir freudig an, die Erinnerung an Marokko verblasste, diesen Gesichtern nicht zu vertrauen, hieße, das Vertrauen ganz aufzugegeben.
Diesem Herrn hier kam die besondere Aufgabe zu, einen Haufen Fellschnipsel in die Fächer für 10 verschiedene Farbnuancen zu sortieren, für mich sahen alle Schnipsel gleich aus.
In solch einer Pelztafel steckt unglaublich viel Arbeit, und Materialkosten gibt es auch noch.
Wenn man sich die Preise der fertigen Designermäntel ansieht, die in umliegenden Geschäften angeboten werden, kann man nur schwer glauben, daß die weiter oben gezeigte Tafel aus schwarzen Fellresten nur 300 Euro einbringt.
Nein, wir haben keine gekauft, ich könnte mich schon dafür begeistern, aber Pelze kaufen ist eben so eine Sache ...
Aber wir haben die Adresse der Werkstatt und fest versprochen, ihnen Bilder zukommen zu lassen.
Dieser Besuch der kleinen Werkstatt ist eines jener Erlebnisse, welche immer in Erinnerung bleiben werden und das Leben bereichen.
Noch immer unter dem Eindruck der Begegnung, stiegen wir den Hang hinunter, zum Seeufer. Wir entdeckten dabei eine Taverne, welche interessante Gerichte auf der Karte hatte und auch sonst einen gediegenen Eindruck machte, die freundliche Bedienung gab dann den Rest; hier werden wir heute abend unser letztes griechisches Mahl des Urlaubs zu uns nehmen.
Das Essen war geklärt, fehlte nur noch ein Stellplatz.
Den zu finden erwies sich schwieriger als gedacht, rings um den See war die Suche erfolglos, aber südlich des Sees, auf der Straße nach Osten - die wir auf der Reise nach Hamokerasa befuhren- wurden wir fündig. Der Stellplatz lag gut versteckt am Ende einer Stichstraße, der einzige Nachteil, die Anfahrt, morgen früh zur Grenze, verlängerte sich um weitere 20 Minuten.
Der Wegpunkt war im Navi schnell gesetzt und so auch im Dunkeln leicht zu finden. Wir machten uns hübsch und fuhren zurück nach Kastoria, um uns mit einem vorzüglichen Essen von Griechenland zu verabschieden.
Freitag, den 6. Juni
Es war noch dunkel, als wir damit begannen, unser Raumschiff für die Durchquerung von Albanien startklar zu machen. Das Frühstück verlief schweigsamer als sonst, wenn ich noch nicht richtig wach bin, bin ein kein guter Unterhalter, und das ist noch geschmeichelt.
Aber da war noch etwas, eine gewisse Bangigkeit, wie wird es werden, in Albanien?
Wir werden sehen...
Schnell erreichten wir die Autobahn, welche uns westlich von Kastoria nach Norden brachte.
Nach 30 Kilometern biegt eine kleine Straße nach links ab, die durch ein grünes, waldgesäumtes Tal führt. Traumhaft. Verkehr gibt es so gut wie keinen. Nur, die ein oder zwei Fahrzeuge, die uns entgegenkommen, mit albanischen Kennzeichnen, sind beides alte Daimler Diesel, so 20 bis 30 Jahre alt, seltsam - meint Waldameise.
Wir erreichen Krystallopigi und ehe man den Gedanken verarbeitet hat, daß dies die letzte griechische Siedlung vor der Grenze ist, kommt auch schon das Ortsende-Schild.
Apollo 13 ist klar zum Verlassen des Orbits, auf zu neuen Welten.
Aber vorher gilt es, eine mittlerweile in's Vergessen geratene Prozedur über sich ergehen zu lassen: den Grenzübergang, so richtig mit Kontrollen.
Hm, wir haben ein gutes Gewissen, bis auf den Überlebenseimer, der mit den Zweiliterflaschen Schnaps.
Auf der griechischen Seite wurden wir gefragt, was sich in der Heckgarage befindet. Aha, aber den Griechen sollte es doch recht sein, wenn wir möglichst viel von ihren Produkten vertilgen, so fing ich an: "Kleider, Stühle, Rucksäcke ..", aber das wollte die nette junge Dame, die perfekt deutsch sprach, gar nicht wissen. "Kein Motorroller oder sonst etwas mit Motor?". Ach darum geht es, "Nein, wir haben nichts dabei, für das wir weitere Papiere vorzeigen müßten".
Kurze Zeit später durften wir ausreisen.
Auf der albanischen Seite gab es auch keinerlei Probleme. Das Übliche eben, Päße, Autopapiere und als Besonderheit, das Bezahlen einer "Sondergebühr", für was die auch immer gut sein sollte.
"Wieviel?" Die Antwort habe ich nicht verstanden, eine Zwei war dabei - wenn's denn sein muss, die zwanzig Euro bringen uns auch nicht um.
Den Zwanziger unschlüssig in den Fingern wendend, sah mich der Diensthabende an, er hob nochmals zwei Finger in die Höhe.
Oha, zwei, nicht zwanzig. Ich hatte es passend und bezahle das Lösegeld für den Zwanziger.
Zwei Euro, dafür diesen Aufwand, aber es wird sich für die Albaner wohl rechnen.
Dann gab's ein freundliches Lächeln, auf beiden Seiten - und wir waren in Albanien.
Ich weiß nicht was ich von diesem Land erwarten sollte. Arm sind sie, die Straßen sind teilweise hundsmiserabel, Tirana ist der Verkehrshorror schlechthin, die Leute werfen mit Steinen, die Leute sind ungewöhnlich freundlich, es gibt nicht immer Verkehrsschilder und noch viel mehr Vorurteile schleppte ich in dieses Land.
Wie soll man sich da ein Bild machen, bei soviel Beeinflussung?
Also war die Device, alles vergessen, was man gehört hat, vorsichtig und offen selbst sehen, wie es ist.
Der erste Eindruck war - es gibt viel Landschaft.
Die Straße war in sehr gutem Zustand und es gab nur wenig Verkehr, allerdings schien der zu 95% aus alten Diesel Daimler zu bestehen, wirklich! Von zehn Fahrzeugen waren mindesten acht einer dieser alten Dinger.
Wir kamen auf der Traumstraße so schnell voran, daß wir guter Dinge waren, am Abend auf dem Campingplatz in Tripanji (gegenüber von Ploce) bei einem kühlen Bier die bestandenen Abenteuer der wartenden Verwandtschaft mitzuteilen.
Dann geschah es.
Die wunderbare Straße wurde unversehens zur Baustelle
und mutierte zur Ansammlung aller denkbaren Unebenheiten: Fahrrinnen, Schlaglöcher, Wellblechpiste, Absätze und was weiß ich.
Unser Geschwindigkeit sank rapide und näherte sich öfters der von Fußgängern.
Hier war alles unterwegs, Laster, Autos, Pferdefuhrwerke, Fahrradfahrer und Fußgänger, und immer mit dabei, der Staub.
"Kommandant an Besatzung. Wir passieren einen kosmischen Nebel, daher sind alle Luken zu schließen!"
Die Fahradfahrer konnten einem wirklich leid tun!
Aber wozu klagen, die vorzügliche Straße, nach der Grenze, mußte ja auch erst einmal gebaut werden.
Und jede Baustelle hat einmal ein Ende, also weiter.
Die Landschaft südlich von Tirana, durch die wir fuhren, erinnerte mich immer wieder an Gemälde alter Meister, als wäre die Zeit stehen geblieben.
Ist es nicht sonderbar, in einem bisher noch nie bereisten Land sind die Sinne für kleinste Details geschärft, man nimmt Kleinigkeiten wahr, für die man zu hause abgestumpft ist. So erschien uns alles neu, interessant, wir sahen wieder ein klein wenig durch Kinderaugen.
Wir kämpften uns weiter nach Norden. Daß die Straße gebaut werden muss, verstehe ich ja, aber daß das gleich auf 30km sein muß, ist nicht so leicht einsichtig.
Trotz holpern, rumpeln Staub und Flüchen kamen wir vorwärts und erreichten ohne Blessuren jene
Gedenktafel, die meinen Groll auf die Straßenbauer etwas besänftigte:
Westlich des Ohridsees war das Wetter trübe, an den Bergen bildeten sich Wolken, der See lag da wie flüssiges Silber und das kräftige Rot der Mohnblumen leuchtete in einer Intensität, die sich leider nicht photographieren läßt.
An dieser schönen Stelle legten wir rechts der Straße an. Ein starker Kaffee und eine Kleinigkeit gegen den Hunger verschoben das Gleichgewicht wieder etwas mehr Richtung Urlaub.
Weiter nördlich und etwas später gab es schon mehr blauen Himmel zu sehen, und seltsam anrührende See-Restaurants.
Die meisten Bilder, die wir von Albanien mitgebracht haben, wurde während der Fahrt durch die (getönten) Scheiben aufgenommen, das erklärt auch den Farbstich.
Aber es gibt lobenswerte Ausnahmen.
"Hast du eben den Esel gesehen?" frug ich, schon nach einer Möglichkeit zum Anhalten spähend. Ich mußte mich beeilen, ich wollte den Blumen- und Grastransport von "vorn" ablichten, und der Esel kam immer näher. Photoapparat? Hier. Schuhe? Mist, wo sind die Schuhe?
Hilft alles nichts, also, Tür auf und rausgesprungen, in Socken.
So standen wir uns gegenüber.
Ich versuchte verständlich zu machen, daß ich gerne den Esel knipsen würde, und ob ich das dürfe.
Wie weiß ich jetzt, daß der Eseltreiber keine Einwände hat?
Dieser lachte mich an und teilte dem Esel mein Begehren mit, jedenfalls hielt der Graue an und stellte sich in Positur.
Danke - wie auch immer das heißt, aber Lächeln und Winken wurden genau so gut verstanden.
Wir haben mittlerweile mehr als die Hälfte des Sees in Richtung Norden hinter uns gelassen und näherten uns der mazedonischen Grenze. Kurz vorher schwenkt die Straße nach Westen, den See hinter uns lassend fuhren wir durch die Berge in Richtung Elbasan, danach geht es wiederum nach Norden in Richtung Tirana.
Kurven gab es zur Genüge, die Absicherung war teilweise abenteuerlich.
Auf dem Weg durch die reizvolle Berglandschaft gab es soviel zu sehen und noch mehr zu erahnen, daß ich öfters dachte, man müßte sich für diese Gegend mindestens zwei Wochen Zeit nehmen, um mit diesem Land wirklich einmal in Berührung zu kommen.
"Was das wohl soll", sinnierte Waldameise, "was sie wohl meint", ging es mir durch den Kopf. Der Auslöser unserer Überlegungen waren am Rand der Straße aufeinander folgende, senkrecht nach oben gerichtet Wassersträhle.
Bein Nächsten sah man mehr, es war ein nach oben gerichteter Wasserschlauch, beim Nächsten erhaschten wir einen Blick auf Stangen, mit einem bürstenähnlichen Ende, etwas später konnten wir sehen, wie ein von der Fahrt durch die Baustellen eingestaubtes Auto an solch einer Stelle gewaschen wurde.
Das war des Rätsels Lösung. Hier haben findige Jungunternehmer die Gunst der Stunde erkannt und flugs ihre Version einer Autowaschanlage realisiert.
Westlich auf Elbasan zufahrend, hatten wir die Begegnung mit einer farbenprächtigen Eisenbahn.
Elbasan liegt ziemlich genau in der Mitte von Albanien. Bei der Durchfahrt stach der riesige Hüttenkomplex in's Auge, welcher jährlich über 100.000 Tonnen Stahl produziert.
Auch diese Statdt wäre es wert, mehr Zeit für sie aufzubringen. Es verfestigt sich der Gedanke, Albanien intensiver zu bereisen.
Nicht weit nach Elbasan, immer noch in Richtung Westen fahrend, kletterten wir schlangengleich steil bergauf. Die Kurven waren mehrfach abgesichert, physisch sowie metaphysisch.
Nach der Kletterei wendet sich die Straße in Richtung Nodern, auf Tirana zu.
Auf dieser Strecke, von Elbasan nach Tirana, verläuft die Straße ein Stück als Kammstraße mit herrlichen Ausblicken. Teilweise war sie so schmal, daß ich vom Fahrersitz aus das Gefühl hatte, in einem Hubschrauber den Bergkamm entlang zu fliegen. Leider war an ein Anhalten nicht zu denken. Wenig später wurde die Straße etwas breiter und wir fanden, eng rechts an den Abhang gequetscht, genügend Platz, um von der Straße runter zu kommen.
Nichts wie raus, beim Öffnen der Anbautür bot sich dieser grandiose Ausblick:
Jetzt noch den Gashahn auf, damit Waldameise den Herd in Betrieb nehmen kann und mit dem Photo auf Erkundungstour, dann zurück in's schnuckelige Heim und schnell war der Stress der letzten Stunden vergessen.
Ich habe das Gefühl, daß ich bei diesem Tempo, mit diesen Pausen, ewig fahren könnte.
Nicht viel später verließen wir den Bergkamm und wieder einmal ging es in Serpentinen nach unten. In einer Rechtskurve entdeckte Waldameise eine sonderbare Hütte, direkt am Straßenrand. Bei genauem Hinsehen entpuppte sich der Bau als Metzgerei, ja, wir essen Fleisch gerne, aber die toten Tiere zu sehen trübt diesen Genuss ganz erheblich.
Durch langsam zunehmenden Verkehr sowie stetig zunehmender Verbauung kündigte sich Tirana an.
Dann ging es ganz schnell, beinahe unvermittelt brach das Chaos über uns her.
Noch ein, zwei Kreuzungen und wir waren mitten im Verkehrsgewühl.
Tirana, was habe ich nicht alles vorher darüber in Erfahrung gebracht. Ich hätte also vorgewarnt sein sollen, was den Verkehr anbelangt.
Mich hat es trotzdem überwältigt.
Die Straßen prägt ein unglaubliches Gewimmel. Daß es keine wirkliche Spuren gibt und jeder so fährt, wie es gerade passt, daß jede kleinste Lücke sofort dazu benutzt wird, sich um zwei Meter vorzumogeln, das kenne ich auch aus anderen Ländern. Mehr Probleme hatte ich dagegen mit den plötzlich auftauchenden Radfahren, die uns zwischen den Fahrzeugen entgegen kamen. Die Krone setzten dem ganzen aber die Fußgänger auf. Das war für mich völlig ungewohnt. Jederzeit, aus jeder Ecke konnte ein Fußgänger auftauchen, neben den Straßen ging es zu, als sei Jahrmarkt. Das Schlimmste dabei waren die Kamikaze-Renner. Ja doch, die liefen wirklich um ihr Leben. Ohne Vorwarnung sprinten sie los, quer über die Straße in vollem Tempo, das schien aber auch nötig, Bremslichter habe ich keine aufleuchten sehen.
Was keiner schrieb, das ist die Sache mit den nicht vorhandenen Richtungsschildern, zumindest kann ich mich nicht erinnern, welche gesehen zu haben.
Bei der Vorbereitung der Touren habe ich die Durchfahrt durch Tirana mit Hilfe von GPS Karten und Google Earth geplant. Dabei habe ich versucht, große Straßen zu finden, die möglichst nicht durch das Zentrum führen. Diese Route war im GPS hinterlegt, Alternativen gab das GPS keine her.
So mußten wir nur dem Faden der Ariadne folgen, oder anders ausgedrückt, wir hatten keine andere Wahl, wir mußten auf der geplanten Route bleiben. Am Anfang sah unser Unternehmen leicht lösbar aus. Wir fuhren die Hauptstraße in Richtung Zentrum. Auf dieser breiten Straßen lies sich leicht Kurs halten.
Aber ich hatte mich zu früh gefreut. Die gerade, breite Straße geniesend wollte ich nicht glauben, daß das Navi uns wirklich nach links, in eine sehr schmale Straße lotsen wollte.
Das kann nicht sein, pflichtete Waldameise bei, da kommt sicher noch eine große Kreuzung mit Schildern. Das Dumme war nur, daß wir mit dieser Entscheidung unseren roten Faden verloren, langsam verschwand dieser aus der kleinen Anzeige des GPS.
Als wir dann die Statue zu Gesicht bekamen, welche im Zentrum steht,
war mein ganzer Kommentar: "Ich drehe um, ohne Plan mitten rein in diese Stadt, das traue ich mir nicht zu, Kozani war schon schlimm genug!", und ich drehte an der nächsten Kreuzung um, und den roten Faden wieder zu finden
Die kleine Straße erwies sich als goldrichtig, es wurde zwar eng,
aber nach einer kurzen Strecke spuckte sie uns wieder aus, mitten auf eine vier - bis sechsspurige Riesenstraße.
"Laut Navi teilt sich da vorn die Straße V förmig, wir müßen uns links halten" sagte ich zu Waldameise und war schon dabei, die zahlenmäßig nicht genau festgelegten Spuren zu wechseln, bis ich mich ganz links befand.
Dann kam der Abzweig und wir fuhren links, die anderen alle rechts.
"War da nicht gerade ein Schild, roter Kreis mit weißem Querbalken?", wunderte sich Waldameise.
Hm, kann eigentlich nicht sein, uns kamen zwar auf allen Spuren Fahrzeuge entgegen, aber keiner winkte, hupte oder schaute uns verwundert an. Nur, auch auf beiden Straßenseiten parkten die Autos mit der Schnauze zu uns.
Jetzt war mir doch mulmig zumute. Ich fuhr betont vorsichtig die wenigen hundert Meter, dann kam von rechts ein mächtiger Strom von Fahrzeugen und mit ihnen der Teil der Straße, der vorher den rechten Schenkel des V's gebildet hatte.
Vermutlich war es doch eine Einbahnstraße, unglaublich!
Vielen Dank an alle Albaner, die so gelassen hinnahmen, wie Apollo 13 verkehrt herum eine mehrspurige, dicht befahrene Einbahnstraße durchfuhr.
Ob ich das mal in Berlin versuche?.
Auffällig sind die kunterbunt gestrichenen Fassaden, hier haben wir ein besonders farbenfrohes Beispiel.
Die Straße bog nach Norden, stieß in einem riesigen Kreisverkehr auf die vom Zentrum kommende Ausfallstraße in Richtung Nordwesten, nach Durres, der Hafenstadt von Albanien. Ihr folgten wir ein Stück. Nach wenigen hundert Metern verließen wir die Hauptstraße und schwenkten nach Norden ein, als Ziel die Grenze zu Montenegro.
Dadurch gelangten wir in einen der Außenbezirke von Tirana.
Dieser Stadtteil wurde durch Handwerksbuden, Hinterhofwerkstätten, Leben auf der Straße, Slums und Baustellen geprägt, ein unvorstellbares Gemenge.
Ich habe immer noch nicht diese vielen unterschiedlichen Eindrücke sortiert, es ist deshalb besser, ich zeige nur die Bilder und enthalte mich weiterer Kommentare.
Durch! Wir waren durch, endlich. Jetzt, so hofften wir, geht es zügig weiter, die Straße sieht brauchbar aus.
Das Tor zur neuen Welt!
Bei Lehze schrammten wir beinahe die Küste der Adria. Die weitere Route ging aber nochmals in das Landesinnere, unsere nächsten Ziele waren Shkoder, Hani i Hoti - die Grenzstadt, Podgorica und Petrovac, kurz und gut, die Route verlief rund um den Skutarisee.
Shkodra, das erste Etappenziel, liegt an der südöstlichen Spitze des Skutarisees (montenegrinisch Skadarsko Jezero, albanisch Liqeni i Shkodrës).
Er ist der größte See der Balkanhalbinsel und gehört zum Teil zu Albanien, zum Teil zu Montenegro. Die Nordseite des Sees besteht zum Teil aus versumpftem Flachland.
Über Shkodra selbst habe ich unter anderem folgendes gefunden:
"In und um Shkodra ist seit Beginn der 90er Jahre das albanische Gewohnheitsrecht wieder aufgelebt. Ohne dieses genau zu kennen, glauben viele, Blutrache ausüben zu müssen. Hunderte von Familien in der Region können ihr Haus nicht mehr verlassen, weil sie von der Blutrache bedroht sind. Inzwischen sind unabhängige Organisationen und Privatpersonen in der Versöhnung der verfeindeten Parteien engagiert. Dank dieser Vermittlung hat sich die Lage in den letzten Jahren merklich entspannt. So wurden in den Jahren 2004 bis 2006 im Qark Shkodra nur noch ein oder zwei Blutrache-Morde pro Jahr registriert."
Wie gut, daß wir es eilig hatten, angehalten haben wir nicht.
Shkodra hat, wie viele Städte in Albanien, eine sehr bewegte Vergangenheit, und jede hinterlies ihre Spuren.
Die Straße in Richtung Grenze war zwar asphaltiert, aber irgend etwas war trotzdem oberfaul.
So etwas muß man erlebt haben, um es zu glauben. Die zernarbte Oberfläche war immer wieder geflickt worden, so wechselten sich kleine Löcher im Belag mit den Stoßkanten der obendrauf gesetzten Flecken ab, dazu die Welligkeit des Unterbaus, das ergab ein Gemenge von Anregungen über alle Frequenzen, welche das Womo bocken, hüpfen und schwanken lies. Das Klangorchester bestand aus Ächzen, Knarren, Poltern, dem Stakkadogeklapper der Teller und meinen öbszönen Flüchen.
Die einzige Lösung bestand darin, nicht schneller als 20km/h zu fahren und das über eine Stunde lang; wir wurden von allen denkbaren Fahrzeugen überholt, aber - wir kamen voran, wenn auch der Traum vom abendlichen Bier auf dem Campingplatz immer mehr verblasste.
Hier, das sind die ultimativen Fahrzeuge, nur zwei Räder, die aber groß, und der der Antrieb setzt zu 100% auf nachwachsenden Treibstoff.
Die Straße wurde immer einsamer, besonders frequentiert scheint der Grenzübergang nach Montenegro nicht zu sein.
Hani i Hoti, der Grenzübergang, endlich - jetzt nur noch kurz durch Montenegro, dann noch kurz ein Stück die Adria entlang, dann noch ... , Mann oh Mann, ich glaube, ich habe mich übernommen. Aber noch haben wir Zeit.
Am Grenzübergang selbst traute ich mich nicht zu photographieren, obwohl es in allen Fingern juckte.
Der montenegrinische Beamte hätte vor einigen Jahren auch an der innerdeutschen Grenze stehen können, so wie der sich gegenüber den Albanern, vor uns in der Reihe, aufgeblasen hat.
Da muß es ganz schön geknistert haben, denn nach der Abfertigung schmierte der Fahrer des albanischen Fahrzeuges seinen ganzen Frust mit durchdrehenden Reifen auf den Asphalt.
Von uns wollte er nicht viel, die üblichen Papiere und eine weitere 2-Euro Gebühr.
Ich gestehe ein, ich war schon etwas erleichtert, Albanien hinter uns zu haben, ich konnte auf bessere Straßen hoffen und damit lag das Fernziel, der Campingplatz bei Trpanji (gegenüber von Ploce) immer noch in Reichweite.
Aber es kommt immer anders, als man denkt. Die Straße war schon etwas besser, nicht so materialmordend, aber dafür eng, der Laster vor uns war unüberholbar.
Dies nicht nur wegen der engen Straße, sondern auch wegen dem halsbrecherischen Tempo, welches er vorlegte.
"Stell dir vor, dir kommt so ein Teil entgegen", grübelte Waldameise.
Stimmt, so hat es auch etwas Gutes, daß der Brummer vor uns her fährt, in seinem Windschatten sind wir sicher, gab ich mich zufrieden und genoss die Aussicht auf die versumpften Ufer des Skutarisees
Der Tag ging, "Apollo 13" macht unermüdlich Strecke. Wir erreichten die Küstenstraße, die uns nordwestlich Richtung Kroatien führte.
"Jetzt hätte ich gern das Motorrad unterm Hintern, statt dieses Raumschiff" war mein frommer Wunsch, denn der Verkehr an der Küste war zum Hörner kriegen. Immer wieder tauchte vorn ein langsamer Russler auf, Bus, Bagger, Sattelschlepper, eben alles was langsam ist, stinkt und auf der kurvenreichen Straße nicht überholt werden kann.
Aber dann kam die Erlösung! Der Bus und sein Kometenschweif an Fahrzeugen fuhren geradeaus weiter, unser Navi lotste uns nach rechts, hinauf in die Berge.
Das war schlecht und gut.
Schlecht deshalb, weil uns das über eine Stunde an Umweg gekostet hat, rings um die Bucht von Kotor; das Navi hat die Fährverbindung ignoriert.
Dummes Navi!
Gut war es, weil - wir haben Urlaub!
Wenn's denn nicht mehr reicht, bis nach Trpanji, dann kommen wir eben am nächsten Tag an, die tollen Ausblicke in die Bucht haben uns reichlich entlohnt.
Am Ende der Bucht, wieder in der Nähe der Mittelmeerküste, überquerten wir die dritte Grenze an diesem Tag.
Der Beamte auf der kroatischen Seite war mir sympathisch, und müde, wie ich war, wagte ich es:
"Verzeihung, ich bin ziemlich müde und würde deshalb gerne mit dem Auto hier stehenbleiben, ist das möglich?"
"Ja sicher, fahren sie gleich hier rechts, da gibt es Parkplätze"
"Ich meine, ich möchte die ganze Nacht hier bleiben"
"Die ganze Nacht, das ist weniger gut. Aber wenn sie hundert Meter weiter fahren, dann kommen sie an ein aufgegebenes Restaurant, auf dem Parkplatz dort können sie bleiben".
Ich war so froh, gefragt zu haben.
Neben dem ehemaligen Restaurant gab es einen ebenen betonierten Platz, ausreichend für unser Womo, daneben eine größere geschotterte Stellfläche.
Und wieder einmal: "Es lebe das Wohnmobil!"
Schnell war die Wohnkonfiguration hergestellt und im Schutz der Grenzbeamten hatten wir eine sorgenfreie Nacht.
Samstag, den 7. Juni
Die Nacht wahr ruhig, am morgen war der eine oder andere Laster zu hören, wie er sich den Berg hoch zur Grenze quälte. Wir waren ausgeschlafen und der während des Frühstücks auf das Dach prasselnde Regen verbreitete pure Gemütlichkeit.
Vor der Abfahrt wollte ich unbedingt ein Erinnerungsphoto machen, aber wie schon erwähnt, Grenzanlagen sind grenzwertig.
Dann habe ich durch die Aufbautür zum Fenster rausgesehen, ja - so müßte das gehen!
Ausgeruht, das nahe Ziel vor Augen, war die weitere Strecke Fahrfreude pur.
Auf der Höhe von Dubrovnik gab es eine kleine Ausweichbucht auf unserer Straßenseite, die wir als willkommene Fahrtunterbrechung aufsuchten.
Von der anderen Straßenseite hatte man einen tollen Ausblick auf die Altstadt.
Beim Kaffee eilten unsere Gedanken voraus, nach Trpanji, dem nächsten Abschnitt unser ersten großen Womo Tour.
Was wird uns wohl dort erwarten?

