Kürzlich bekam ich günstig einen aus den siebziger Jahren stammenden Yamaha-Bootsmotor, der schon länger eingelagert, aber in einem sehr guten Allgemeinzustand war. Nach der Durchsicht stellte ich fest, wie auch immer dies passieren konnte, dass die Düsennadel des Schwimmerventils fehlte. Dieses Fehlen bewirkt im allgemeinen, dass beim Starten des Motors der Sprit aus sämtlichen vorhandenen Öffnungen läuft, da eben der Schwimmer das Ventil nicht schließen kann. So weit so schlecht. Da ich den Motor dieses Jahr mit dem Womo in den Sommerurlaub nehmen wollte, musste also ein Ersatzteil her. Kurz im Internet recherchiert, erhielt ich die Information, dass ein sich vor den Toren von Fellbach befindender Händler Yamaha-Motoren verkauft. Weiterhin ist dort zu lesen: „Service wird bei uns GROSSGESCHRIEBEN“ und „Wir sind für sie da: werktags von 9 – 18 Uhr“. Na prima, dachte ich, da düse ich nach Feierabend gleich los. Gesagt, getan, um kurz nach 16 Uhr fuhr ich ins ca. 30 Kilometer entfernte Fellbach. Dort angekommen sah es in der Werkstatt schon recht leer aus. Aber halt, da steht ja eine Tür offen. Also werfe ich einen Blick hinein und sehe dort zu meiner Freude den Chef des Hauses (identifiziert aufgrund des Bildes im Internet) sitzen. Nach einem längeren, ausführlichen Blickkontakt, aber keiner weiteren Reaktion entspann sich folgender kurzer Dialog:
Ich: Können sie mir helfen? (hätte ich ja eigentlich als Frage an mich erwartet...)
Chef: Nein.
Ich: Aha...Äh, eigentlich wollte ich zur Werkstatt !?!
Chef: Die ist schon zu.
Ich (mich erinnernd: wir sind für sie da bis 19 Uhr): Ja wann schließt die denn?
Chef: Die macht um halb fünf zu.
Ich (hab ich ja volles Verständnis, aber kann man das nicht im Internet reinschreiben?): Könnten sie mir vielleicht trotzdem helfen (...ist ja schließlich der Chef hier), es ist dringend.
Chef: Nein, kommen sie morgen wieder.
Ich (etwas angefressen, da der Chef ja noch nicht mal wissen will, um was es eigentlich geht): Klar, heutzutage wo der Sprit ja praktisch nichts mehr kostet, fahre ich gerne noch mal 60 Kilometer umsonst.
Bevor ich also dem Chef ins Gesicht springe, wende ich mich zum gehen, bereit den nächsten zu ermorden der mir begegnet. Gehe den kurzen Weg zum Auto, schließe auf, steige ein, lass meine Vorglühlampe leuchten und erlöschen und dabei fällt ein Blick auf meine Uhr unterhalb des Tachos: Es ist 16:34 Uhr !!!
Da sich partout aber nirgends ein Ersatzteil auftreiben ließ, rufe ich zwei Tage später als praktisch letzte Chance doch noch einmal bei diesem Händler an:
Mitarbeiterin meldet sich mit Firmennamen
Ich: Ich habe ein Problem mit einem Bootsmotor und möchte mit der Werkstatt verbunden werden.
Mitarbeiterin: Ja was für ein Problem?
Ich: Es fehlt ein Teil im Vergaser.
Mitarbeiterin (offensichtlich Expertin für Vergaser): Was fehlt denn da?
Ich (wahrheitsgemäß): Es fehlt die Düsennadel des Schwimmerventils.
Mitarbeiterin: Ja, was ist denn das überhaupt für ein Hersteller?
Ich (noch immer wahrheitsgemäß und geduldig): Yamaha
Mitarbeiterin: Aha, ja da muss ich sie mit der Werkstatt verbinden.
Ich (sprachlos, überlege ob eventuell die Haarfarbe...nein): !?!
Wartemelodie
Mitarbeiter der Werkstatt meldet sich
Ich: Hallo, hat ihnen ihre Kollegin mein Problem geschildert? (hätt ja sein können...)
Mitarbeiter der Werkstatt: Nein.
Ich (packe alle Informationen gleich in einen Satz um jegliche Missverständnisse auszuschließen): Ich brauche für einen Vergaser eines Yamaha-Motors eine Düsennadel für die Schwimmerdüse
Mitarbeiter der Werkstatt: Da sind sie falsch bei uns.
Ich (nein informiert mich nicht gleich, lasst mich ruhig noch ein bisschen schmoren): Wieso?
Mitarbeiter der Werkstatt: Na weil wir schon lange keine Yamaha-Motoren mehr haben.
Übrigens habe ich dann doch noch eine Düsennadel bekommen: Bei der hier ansässigen Baywa gibt’s eine kleine Rasenmäherwerkstatt mit einem echt findigen Schrauber, der sich sofort auf seine Ersatzteilkiste gestürzt hat und mir nach ca. einer Minute zwei Düsennadel in die Hand drückte. Die waren zwar nicht Original, aber sie passten. Dafür wollte er noch nicht einmal was haben, natürlich hab ich ihm ein dickes Trinkgeld gegeben. Der Motor hat während des dreiwöchigen Urlaubs täglich ohne jegliche Störung seinen Dienst versehen und ist gelaufen als ob es nie anders gewesen wäre.

