herrjeh99 am 29 Okt 2015 18:41:45 {Ausführliche Berichte mit Bildern, Stelplatzinfos und Links zu den Stellplätzen findet man auf meinem Blog - Adresse im Profil - einfach den Tag "Rumänien" nutzen.}
Rumänien - schön und widersprüchlich
Rumänien ist aus unserer, deutschen Sicht ein Land der Widersprüche. Der erste und größte ist jener zwischen der Erwartungshaltung und der erlebten Realität. Vor einer Reise bildet sich ein Bild aus der Lektüre von Reiseführern, Reiseblogs und - im Falle von Rumänien wie bei wahrscheinlich allen südosteuropäischen, ehemals sozialistischen Ländern - aus einer Mischung von Vorurteilen und Meinungen. Letztere sind selten positiv, meist unentschieden und fast immer unwissend daher gesagt, und leider oft negativ bis ängstlich. Da wird von einer "hohen" Kriminalität gesprochen und so verallgemeinernd wie falsch von den "Zigeunern". Und beides wird dann oft auch noch in einen Topf geworfen.
Wir haben ein Land erlebt, das landschaftlich wunderschön ist - hier vor allem die Bergwelt der diversen Teile der Karpaten. Wir haben wunderschöne Kirchen, alte Kirchenburgen und bunte Klöster gesehen, die alle einen Besuch wert sind. Und wir haben festgestellt, dass die Menschen, kommt man erst einmal in Kontakt mit ihnen, unvoreingenommen, nett, freundlich und überaus gastfreundlich sind.
Widersprüchliches findet man in Rumänien an jeder Ecke. Da stehen windschiefe, verfallene Hütten neben nobel wirkenden kleinen Palästen. Bewohnt sind eher die Hütten, die "Paläste" sind oft unvollendet und selbst fertig gestellt manchmal unbewohnt. Da freut sich manche Kirchengemeinde in Siebenbürgen, dass die sowieso schon ärmliche Kirchenburg am Ort halbwegs erhalten werden kann, während manch rumänisch-orthodoxe Klosterkirche mit Glanz, Gold und anderem Reichtum ihre Macht demonstrieren kann. Da hat mancher BMWichtig-Fahrer (oft mit B als Kennzeichen, B wie Bucarest) schon lange verstanden, dass man zur Nobelkarosse auch die Vorfahrt im Straßenverkehr de facto mit gekauft hat - und dazu begegnen einem immer wieder 1-PS-Fahrzeuge, Wagen mit einem, selten mit zwei Pferden, die lebensnotwendige Transportmittel sind.
Sinti und Roma, oft Zigeuner genannt, haben wir viele gesehen. Völlig egal, wie sie gerade politisch korrekt zu bezeichnen sind, fallen sie oft nur dadurch auf, dass sie gerade in Siebenbürgen (nach der Auswanderungswelle der dort ehemals ansässigen Siebenbürger Sachsen seit der Wende) versuchen, sesshaft zu werden - und das sieht eben manchmal bei einem eigentlich "fahrendem Volk" für unsere Begriffe eigenartig aus. Vor Ort ist der Umgang mit ihnen pragmatisch, wie wir auf einem Campingplatz erleben durften. Der Betreiber gab per Aushang folgendes zu verstehen: "Unsere Nachbarn sind Sinti und Roma. Bunte und fröhliche Menschen. Das Betteln ist ihnen tiefe Gewohnheit. Sie verdienen damit 3 - 5 mal so viel wie jemand, der arbeitet. Sagt ihnen bitte freundlich Guten Tag, aber gebt ihnen auf keinen Fall Geld."
Kriminalität haben wir nicht erlebt. Wenn man sich an die gleichen Regeln hält wie in anderen Ländern (einschließlich Deutschland) lebt man genau so sicher (oder eben unsicher) wie in anderen europäischen Ländern. Sicher wird häufig gebettelt - vor allem in größeren Städten organsiert – und hier landet sicher das Wenigste bei denen, die es erbetteln. Da unterscheidet sich nichts von deutschen Fußgängerzonen. Manchmal ist das Betteln auch ein wenig drängender, aber - wer will es denen, die dort ganz sicher nicht freiwillig so ihren Lebensunterhalt verdienen in Anbetracht der ihnen extrem reich vorkommenden Touristen und der ebenfalls sicher recht wohlhabenden rumänischen "Oberschicht" verdenken?
Sicher ist das Land an vielen Stellen "arm". Arm an den Segnungen der westlichen Konsumwelt. Aber oft auch arm an einfachen Dingen. Das Alles ist nicht immer und nur mit "Korruption", die es ganz sicher gibt, zu erklären. Man darf aber nie vergessen oder gar leugnen, dass eine "DDR", die sich Ende der 80er Jahre im Zustand nicht so sehr von Rumänien unterschied, einen großen Bruder Westdeutschland hatte. Dieses unverschämte Glück hatte Rumänien nicht. Und damit leben die Menschen dort eben nicht wie wir auf einer Insel des Luxus. Ob sie deshalb „ärmer“ sind ist und bleibt eine Frage der ganz persönlichen Sicht auf die Dinge.
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Wir waren 4 Wochen im Land unterwegs, wer Fragen hat kann uns gern mailen oder hier direkt auf den Beitrag antworten. In unserem Blog gibt es ebenfalls jede Menge weiterer Informationen.
kastell am 29 Okt 2015 19:24:57 danke für's Bericht,.... ist für mich Alleinfahrerin etwas weit sonst wäre ich schon längst auch dort
tosys am 31 Okt 2015 20:20:18 Hallo Herrje Vielen Dank für deinen guten und informativen Reisebericht.Muss Dir in fast allen Belangen Recht geben nur eines kannst du nicht vergleichen und zwar die DDR und Rumänien in einen Topf werfen.Das geht gar nicht.Ich weiß ja nicht aus welcher Gegend du bist aber anscheinend kein Ossi.Ich weiß auch nicht ob du zu DDR Zeiten in Rumänien warst ich ja.Und glaube mir es lagen Welten zwischen diesen beiden Ländern.Ob Landwirtschaft, Industrie oder die Infrastruktur. Rumänien lag mindestens ein halbes Jahrhundert hinter der DDR zurück.Ich war oft in Rumänien und habe die Gastfreundschaft der Leute dort schätzen gelernt.Sie hätten sonst was gegeben um in der DDR zu leben.Mußte das hier nur mal klarstellen.MfG Thomas
volker2 am 31 Okt 2015 20:36:22 Kann ich bestätigen. Ich war 1987 in Rumänien. Da regierte noch der Nicolae Ceau?escu - Clan und die Securitate (die Staatssicherheit Rumäniens). Beides war gefürchtet, da sie kompromisslos waren und mit absoluter Härte durchgriffen. Viel schlimmer, als das in der DDR möglich war. Es war die blanke Katastrophe und es gab teils nicht einmal das Notwendigste. Auch Hunger war ein Thema. Es wundert mich nicht allzu sehr, dass man sich den Ceausescus seinerzeit entledigt hat, um das mal so auszudrücken. Heute ist die Lage anders. Das Land hat kaum Wirtschaftsleistung und keine wesentlichen Rohstoffe o.ä.. Es bekommt auch nicht die Unterstützung, wie andere Länder. Somit fristet das eigentlich so sehenswerte Land leider ein Schattendasein.
Verratnix am 31 Okt 2015 20:51:26 volker2 hat geschrieben:Heute ist die Lage anders. Das Land hat kaum Wirtschaftsleistung und keine wesentlichen Rohstoffe o.ä.. Es bekommt auch nicht die Unterstützung, wie andere Länder. Somit fristet das eigentlich so sehenswerte Land leider ein Schattendasein.
Sorry, das ist einfach Käse!! Rumänien hat riesige natürliche Ressourcen. Neben Erdöl und Gas die größten Goldvorkommen Europas. Bukarest war die erste Hauptstadt Europas welche flächendeckend mit Gaslampen illuminiert wurde.
tosys am 31 Okt 2015 21:35:41 Da hast du natürlich recht was die Öl und Gasvorkommen betrifft.Auch andere Bodenschätze in Hülle und Fülle.Rumänien war sogar mal die Kornkammer Europas.Aber wo blieb und bleibt dieser Reichtum denn dieses schöne Land zu bieten hat? Der Reichtum ist in der Bevölkerung bis heute nicht angekommen. Und das 26 Jahre nach Nicolae Ceausescus Tod.
herrjeh99 am 01 Nov 2015 00:12:11 Grüß Dich, natürlich bin ich Ossi, und natürlich war ich auch vor der Wende oft im Rumänien. Meine These des Vergleichs vor der Wende ist natürlich gewagt und auch ein wenig provokativ. Aber mir ging es eher um den großen Bruder, den Rumänien eben nicht hatte. Und - ich bin auch in der DDR der 80er jahre viel rumgekommen und habe viele Betrieb "von innen" gesehen - da war sehr viel marodes, kaputtes, einfach ausgelaugtes. Und in sofern ist meine These nicht so sehr falsch - auch wenn wir uns schon damals als Ossis vllt. ein bißchen besser gefühlt haben - und wenn es nur wegen der Strauß-Milliarden-Kredite war, die den Laden notdürftig am Laufen und uns ein ganz klein wenig bei Laune gehalten haben. Fünf Jahre länger, und auch im ehemaligen Osten wäre "Steinzeit" gewesen, nix mit 50 jahren Vorsprung (auch wenn unsere Chefs wie E.H. das gern so gesehen hätten.) VG Andreas tosys hat geschrieben: nur eines kannst du nicht vergleichen und zwar die DDR und Rumänien in einen Topf werfen.Das geht gar nicht.Ich weiß ja nicht aus welcher Gegend du bist aber anscheinend kein Ossi.
volker2 am 01 Nov 2015 20:08:59 An Verratnix: Ob das nun, wie Du schreibst, Käse ist oder nicht, sei dahingestellt. Mag sein, dass Du recht hast. Aber haben und fördern können sind zwei unterschiedliche Dinge. Das Problem der Öl- und Gasvorkommen ist - soviel mir bekannt ist - nur, dass es teils schwer /kostenintensiv förderbar ist (Lagervorkommen in großer Tiefe usw.). Das war offenbar der Grund, dass Rumänien zu sozialistischen Zeiten auch nur hier und da Fördertürme hatte. Zumindest war 1987 davon nichts groß sichtbar und man sprach auch davon, dass die Fördermengen nicht den Erwartungen entsprachen. Anders erklärt sich auch nicht, dass der rumänische Autobesitzer zu dieser Zeit nur 5L Kraftstoff maximal im Monat erhielt und max. 20L während der Urlaubszeit. Offenbar blieben und bleiben größere Lagerstädten derzeit ungenutzt und man konzentriert sich im Moment auf Förderung im Bereich des schwarzen Meeres, dort allerdings inzwischen auch in größerer Tiefe. Das jetzt viel mehr gefördert wird, als zu alten Zeiten, das glaube ich schon. Damals fehlte sicher auch moderne Fördertechnik. Aber: Ob das allein hilft, um das Land voran zu bringen, ist die Frage. Zur Zeit hat man jedenfalls nicht den Eindruck, dass dieses Land soviel Ölmilliarden scheffelt, wie die Golfstaaten. Nicht umsonst gehen viele Rumänien in die nördlichen Teile Europas. Das wird schon seinen Grund haben.
wolfherm am 01 Nov 2015 20:40:12 Moderation:Und jetzt sollten wir wieder zum Reisebericht zurückkehren.
xbmcg am 02 Nov 2015 10:50:51 Rumänien war schon zu Ostblockzeiten das ärmste Land, weit abgeschlagen.
Treibstoff wurde rationiert, Lebensmittel waren auch oft Glückssache - abgesehen vom Obst und Gemüse in Eigenproduktion, das agressive Betteln war auch normal damals vor allem nach Zigaretten, Kaugummi und Präservative - meist wurden die Kinder vorgeschickt, weil man denen schlecht was abschlagen kann.
Ich weiß nicht, wie es jetzt aussieht, früher waren die Geschwindigkeitsbegrenzungen außerhalb von Ortschaften nach Hubraum gestaffelt - ein BMW hatte damit nicht nur die gefühle Vorfahrt. Nachst sollte man sich an die Geschwindigkeiten unbedingt halten, Ochsenkarren mit Autopilot waren auf den Straßen Gang und Gäbe, der Kutscher pennte betrunken auf dem Heuhaufen und das Tier kannte den Weg. Die Karren waren natürlich unbeleuchtet und der Ochse lief stets auf dem Mittelstreifen.
Auch pflegte die sonst sehr gut asphaltierte Straße plötzlich und ohne Vorankündigung aufzuhören und als Schotterpiste mit tiefen Schlaglöchern weiterzugehen, nach 1-2km gings dann genau so asphaltiert und glatt weiter. Als Motorradfahrer Nachts eine besondere Herausforderung. Das ist aber alles 30 Jahre her, es könnte mittlerweile besser oder viel schlimmer sein.
Wirtschaftlich tut sich einiges im IT-Sektor, die Rumänen sind gut ausgebildet und noch billiger als die Polen, so dass viele Firmen ein Offshoring nach Rumänien machen - nach China / Indien ist es zu weit und auch Sprachlich schwierig, außerdem sind da weniger Zeitzonen zu überwinden. Ich denke, es wird schon werden, aber es braucht seine Zeit.
Gast am 02 Nov 2015 12:06:01 Meine ältere Tochter machte dort mal ein Praktikum im Rahmen der Unesco und fand es recht schön, aber mit wenig Perspektive.
Ein Bekannter hat sich mit Beginn der Rente dort für einen Spottpreis 20.000,-- € einen kleinen Bauernhof gekauft und lebt nun dort mit seiner jungen Frau (Rumänin) und seiner kleinen Rente im gefühlten Paradies.
Mein Ding wäre es nicht, er hat die Plumps Toilette hinter dem Stall, kein fliesendes Wasser und nicht regelmäßig Strom.
Liebe , Alf
Verratnix am 02 Nov 2015 12:31:22 KudlWackerl hat geschrieben: Ein Bekannter hat sich mit Beginn der Rente dort für einen Spottpreis 20.000,-- € einen kleinen Bauernhof gekauft
Wärst du bitte so freundlich mir die Gemeinde zu nennen?
Gast am 02 Nov 2015 13:33:12 Verratnix hat geschrieben:Wärst du bitte so freundlich mir die Gemeinde zu nennen?
Nein, keine Ahnung. Irgendwo hinter den Sieben Bürgen ... ;D Dein Alf
rohlfi am 18 Okt 2017 13:53:00 Ich hänge hier in Rumänien, auf Grund eines Verkehrsunfalles, fest. Im Norden in Moisei fuhr mir ein sportlich adretter Fahrer auf mein Wohnmobil auf, als ich langsam die großen Schlaglöcher durchfuhr. Er zog es danach vor sich zu entfernen. Aber am nächsten Morgen hat er sich gestellt. Die Polizei und die Bewohner an der Unfallstelle waren freundlich und hilfsbereit. Im Ort sind nicht nur die Straßen schlecht und die Armut springt einem in Gesicht. Wir wurden dann auf einem Tieflader, vom ADAC 130 km zur nächsten größeren Stadt "Baia Mare" transportiert. Hier hatte sich eine Werkstatt bereit erklärt den Fahrzeugrahmen zu reparieren. Da es dauert bis die erforderlichen Ersatzteile aus Deutschland geliefert werden, haben wir uns ein Leihmobil aus Bukarest besorgt und sind 14 Tage über das Donau-Delta, Schwarzmeer Küste und Konstanza durch Rumänien gefahren. An der Schwarzmeer Küste war die Saison vorbei, Hotels Restaurants waren geschlossen und auf dem Camping S in Konstanza waren wir die einzigen Gäste. Aber auch hier waren Restaurant und Mini Market geschlossen. Wir sind hier mit der Bahn quer durch Rumänien und mit Bussen durch die Regionen gefahren. Wir haben freundliche hilfsbereite Menschen, auch wenn sie zum Teil sehr grimmig dreinschauen, getroffen. Die Städte zeigen meist erst auf dem zweitem Blick ihre Sehenswürdigkeiten. Wenn unser Wohnmobil repariert ist, fahren wir nach Otopenie (Teil von Bukarest), lassen dort unseren Aufbau reparieren lassen und werden uns die große Stadt ansehen. Wie aber in den Beiträgen 2015 schon berichtet wurde, trifft man hier in Rumänien auf viele Widersprüche. Fazit: sehenswert interessant, kein Land für entspannten Urlaub.
Flatus am 18 Okt 2017 16:22:32 rohlfi hat geschrieben:... trifft man hier in Rumänien auf viele Widersprüche. Fazit: sehenswert interessant, kein Land für entspannten Urlaub.
Wir haben uns in Rumänien immer sehr wohl gefühlt; damals wie auch heute. :daumen2: Für uns ist Rumänien auf jeden Fall ein Land für entspannten Urlaub... Gruss Flatus .
Gast am 18 Okt 2017 17:04:15 Wir waren dieses Jahr zum vierten Mal in Rumänien. 6,5 Wochen lang einmal rundherum in 3400 km. Wunderschöne Landschaften, nette Menschen und gutes Essen. Stellplätze findet man mit Reiseführer oder App immer und freistehen ist problemlos.
Wenn man sich auf den Verkehr einstellt, sich überholen läßt und auf Löcher in den Straßen achtet kann man einen entspannenden streßfreien Urlaub erleben. (Unfall oder Panne ist natürlich Pech :? )
Nationalstraßen DN sind fast immer gut Kreisstraßen DJ gehen auch weitgehend Gemeindestraßen DC sind mangels Geld wenig gepflegt, so wie meist bei uns
Wir kommen wieder.
Gruß Micha
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