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Mittwoch, 13. August : Heute versucht meine Frau, in Pleszew, einer Kleinstadt auf der Strecke nach Poszsn/Posen, das Haus wieder zu finden, in dem sie 1944 geboren wurde und was ihre Eltern 1945 in Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung verlassen mussten. Wir versuchen erst einmal die Straße zu finden. Da wir nur den alten deutschen Namen kennen, tut sich ein Riesenproblem auf. Wir sprechen die wenigen alten Leute an, die wir auf der Straße treffen, in der Hoffnung, sie könnten sich vielleicht an den Straßennamen erinnern. Aber niemand versteht auch nur ein Wort Deutsch, Englisch ebenfalls nicht. Niemand weiß, was wir von ihnen wollen. Also kann auch niemand sagen, wo die Straße sich befindet. Es sind offenbar alles Polen, die im Zuge der Vertreibung der Deutschen selbst als Vertriebene dort eine neue Heimat gefunden haben. Also muss die Vergangenheit Vergangenheit bleiben.
Wir fahren weiter nach Poszan/Posen, unserem heutigen Ziel. Der dort avisierte Campingplatz Malta-See ist zwar für polnische Verhältnisse relativ teuer (64 Sloty), aber sonst in Ordnung. Er befindet hinter einem See, der komplett als Ruder-Regatta-Zentrum mit einer riesigen Zuschauertribüne ausgestaltet ist. Daneben befindet sich sogar eine Skiflugschanze, die bei dieser niedrigen Höhe im Winter wohl nur mit Kunstschnee betrieben werden kann. Bei diesem Anblick des zugebauten Sees sehnen wir uns – und auch ich als begeisterte Ruderer - doch nach einem kleinen ruhigen See, an dem wir - wie bisher schon etliche Male gehabt - unmittelbar stehen, in ihm baden oder einfach auf ihn hinaus sehen können. Dennoch wollen wir bis übermorgen bleiben, da der morgige Tag durch die Besichtigung von Posen ausgefüllt sein wird. Donnerstag, 14. August : Wir fahren mit den Rädern am Regatta-See entlang und schon sind wir am Rand der Altstadt (Man kommt auch mit der Straßenbahn schnell dort hin). Posen ist heute eine moderne Handels- und Messestadt mit 570.000 Einwohnern. Obwohl die Stadt im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört worden ist, ist der Kern der Altstadt, der Alte Markt, sehr gelungen wieder hergestellt. Er wird durch zahlreiche alte Bürgerhäuser mit sehr unterschiedlichen schönen Fassaden eingerahmt und durch ein Renaissance-Rathaus in der Mitte beherrscht, das wie ein Traumschloss wirkt. Der zweite alte Teil neben dem Alten Markt ist die Dominsel in der die Stadt durchfließenden Warte. Die Insel, der älteste Teil von Posen, wird von einer Kathedrale aus dem14./15. Jh. beherrscht, die zwar im gotischen Stil erbaut ist, aber später barocke Helme auf den beiden mächtigen Türmen erhielt. Im Innern dominiert ein goldener gotischer Flügelaltar. Freitag, 15. August : Heute Morgen ist der Himmel bewölkt und es ist frisch. Den Plan, an irgendeinen Badesee in der Nähe zu fahren, lassen wir deshalb sein. Stattdessen fahren wir nordöstlich nach Torun/Thorn. Auf der Fahrt regnet es häufig und in Thorn selbst hört es kaum auf zu regnen. Damit erleben wir erst unseren zweiten Regentag in vier Wochen. Meckern ist deshalb nicht angebracht. Wir bleiben – für 40 Sloty - bis zum nächsten Morgen auf einem bewachten Parkplatz schräg unterhalb der gewaltig langen Brücke über die Wila/Weichsel (aber trotzdem ruhig).
Thorn ist zwar eine moderne Großstadt mit 200.000 Einwohner, kann sich aber mit viel Geschichtlichem präsentieren : eine unversehrte Stadtbefestigung, vielstöckige historische Lagerhäuser, die Ruinen einer Burg des Deutschherrenordens, die Vergangenheit als Hansestadt und eine schöne mittelalterliche Altstadt. Die Altstadt wird zum einen von einem großen Marktplatz mit einem gotischen Rathaus und vielen Bürgerhäusern aus Gotik, Renaissance und Barock mit gut erhaltenen Fassaden beherrscht. Besonders erwähnenswert sind auch zwei gotische Backstein-Kirchen, die von außen gewaltig und von innen dunkel wirken : die Marienkirche, eine dreischiffige Hallenkirche aus dem 14. Jh. und die Johannis-Kathedrale aus dem 13. Jh. Wegen all dieser Sehenswürdigkeiten hat die UNESCO die Stadt 1997 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Sonnabend, 16. August : Heute Nacht hat es durchgehend geregnet. Am Morgen ist es aber vorbei. Deswegen brechen wir nach Chelmno/Kulm auf. Kurz nachdem wir auf der Landstraße sind, beginnt es wieder heftig zu regnen. Zum ersten Mal nerven uns die Spurrillen, die es auf dieser Straße durchgehend gibt, ziemlich, weil man sich doch sehr konzentrieren muss, wenn man an ihnen links oder rechts vorbeifahren will. Wenn man in ihnen fährt, müsste man, da sie bei dem Regen natürlich mit Wasser gefüllt sind, recht langsam fahren, was dann aber auch nerven würde.
Chelmno/Kulm, 47 km nördlich von Thorn am rechten Ufer der Weichsel gelegen, ist die erste Stadt in Polen, die uns enttäuscht. Hier gibt es zwar ein schönes altes Stadttor und auf dem Markt ein prächtiges Renaissance-Rathaus aus dem 16. Jh. Ansonsten ist die Stadt, obwohl sie den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden hat, alles andere als interessant. Langweilige Straßen mit defekten Fassaden prägen die Stadt weitestgehend. Da es zudem noch heftig regnet (was möglicherweise mit zu unserem kritischen Eindruck beigetragen hat), sehen wir zu, dass wir weiter fahren. Nach einiger Zeit kommen wir in Bydgoszcz/Bromberg an und stellen das Womo auf einem bewachten Parkplatz am Rande der Altstadt ab. Es ist der Platz, den der Womo-Führer empfiehlt. Gut gelegen ist er, aber für eine Übernachtung viel zu laut. Nachdem wir der Dauerregen eine leichte Pause eingelegt hat, gehen wir los. Bromberg, westlich von Torun/Thorn gelegen, gehört mit etwa 400.000 Einwohnern zu den größeren Städten Polens. Die mitten durch die Stadt fließende Brda/Brahe war früher die Lebensader der Stadt. Heute ist sie Naherholungsgebiet. Am südlichen Ufer stehen alte Speicher aus dem 18. und 19. Jh, die heute als Galerien und Museen genutzt werden. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das Wenecja Badgoska / Bromberger Viertel. Direkt am Flussufer gelegen, präsentiert es sich mit schönen Bürgerhäusern aus dem 19. Jh. Weiter zu erwähnen ist natürlich wieder der Markplatz mit schönen alten Bürgerhäusern, aber - neu für uns - ohne ein Rathaus in der Mitte. Eine Besonderheit dagegen ist eine Kirche aus dem 16. Jh., deren Innenbemalung uns begeistert : überwiegend blau, viel rot und auch lila und grün in einer harmonischen Kombination. Sie ist außerdem – zumindest heute - Hochzeitskirche. Die mutigen Paare stehen regelrecht Schlange, um in den Hafen der Ehe einzulaufen. Die Nacht verbringen wir in der Nähe auf einem Campingplatz, der mitten in einem Wald an einem See liegt und abenteuerlich einfach ist. Bei schönem Wetter wäre er wahrscheinlich ganz idyllisch. Aber das scheinen wir morgen wohl kaum zu erleben. Sonntag, 17. August : Da es heute durchgehend bedeckt ist und immer wieder regnet, entscheiden wir uns, nicht noch zwei Tage an der Pommerschen Seenplatte zu verbringen, sondern direkt nach Stettin Szczecin/Stettin zu fahren. Dort angekommen, scheint aber wieder die Sonne vom Himmel. Zum Umkehren ist es aber zu spät. Als bleiben wir hier. Das Womo stellen wir bis zum nächsten Morgen auf dem Parkplatz, den der Womo-Führer empfohlen hat. Mit Ohropax wird die Nacht sehr geruhsam.
Stettin ist eine Stadt mit 420.000 Einwohnern und lebt vor allem von seinem Hafen, der jedoch nicht unmittelbar an der Ostsee liegt, sondern - durch die Oder und das Stettiner Haff verbunden - 65 km davon entfernt. Als wichtige Kriegshafen-Stadt wurde Stettin im Zweiten Weltkrieg nahezu völlig zerstört. Erst 1992 begann man mit dem Versuch, die Altstadt wieder entstehen zu lassen. In den Jahrzehnten davor sind aber negative Fakten in Form von nichtssagenden bzw. sogar hässlichen Wohnblöcken geschaffen worden, so dass Stettin leider keine halbwegs einheitliche Altstadt besitzt, sondern eine unglückliche Mischung aus Alt und Neu. Insofern unterscheidet sich der Altstadtbereich doch sehr von denen der Städte Danzig, Warschau, Krakau und Breslau, die anders als Stettin viel Atmosphäre ausstrahlen (und bei denen die Restaurierung auch viel früher angefangen wurde). Restauriert worden sind nahezu ausschließlich öffentliche Gebäude. Schmucke alte Bürgerhäuser mit prächtigen Fassaden fehlen dagegen fast ganz. Aber immerhin gibt es etliche Gebäude, die sehenswert sind : Zu nennen ist in erster Linie das Schloss der Pommerschen Herzöge mit seiner weißen Renaissance-Fassade, das Alte Rathaus am Heumarkt, an dessen Rand zwei schöne restaurierte alte Bürgerhäuser, aber auch nichtssagende unverputzte Wohnblöcke stehen, einige gewaltige öffentliche Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und vor allem die Kirchen, die offenbar alle wieder aufgebaut worden sind. Montag, 18. August : Kurz hinter Stettin überqueren wir die Grenze und sind wieder im Heimatland. Aber auch im Womo-Land. So viel Womos, wie wir auf unsere zweitätigen Rückreise (über Greifswald, Stralsund, Rostock, Wismar) begegnet sind, haben wir in den viereinhalb Wochen in Polen auch nicht annähend gesehen. Völlig zu Unrecht : Polen ist zum einen ein sehr schönes Land mit verschiedensten Landschaften, u.a. der Ostseeküste und zwei großen Seenplatten im Norden und Mittel- und Hochgebirge im Süden. Zum anderen ist es ein sehr interessantes Land mit gut erhaltenen bzw. liebevoll restaurierten Altstädten voller Geschichte. Und schließlich ist es ein Land mit sehr netten Menschen. Insgesamt also ein Land, das eine Reise wert ist. Ich hoffe, dass ich einige unter Euch animiert habe, auch einmal dieses Land kennen zu lernen. Wolfgang, wir sind total hingerissen von dem Beitrag, den Fotos und der Art Deiner Berichterstattung. Diesen Bericht sollte man sich wirklich abspeichern, um ihn später noch einmal zu lesen, aber besonders um ihn für einen Polenbesuch als Wegweiser zu nutzen. Super!
:daumen2: Danke für den schönen Bericht! Fehlt nur der Exkurs zum Essen und Restaurants: Ich schleppe immer noch die Urlaubkilos vom letzten Jahr mit mir herum! Und das ist - wie Du ja auch andeutest - Das eigentliche HAUPTPROBLEM in Polen: Die Speisekarte lesen. ..vielleicht ändern wir unsere Reisepläne und fahren doch wieder nach Polen? Frank Hast du ganz toll gemacht :)
Komm eben von der Arbeit, war eine schöne, spannende Entspannung, auch die vielen Hintergrundinfos und natürlich die tollen Bilder habe ich sehr genossen Super Bericht, hab mir mal ein Lesezeichen gesetzt ... könnte ein Leitfaden oder Planungshilfe für unsere Polenreise sein.
:dankeschoen: Schön, dass Ihr von dem Bericht begeistert seid.
Frank : Alles Mögliche kann man in Polen nicht lesen. Die Speisekarten sind aber das geringste Problem, da in allen größeren Städten die Karten meistens auch mit in Englisch oder Deutsch abgefasst sind bzw. man - wenn die Bedienung merkt, dass man Deutscher ist - eine deutschsprachige bekommt. Probleme hat man natürlich auf dem Land. Da hat uns die Zeichensprache gut weiter geholfen. Wenn man das Zeichen für Essen und dabei ein ratloses Gesicht machte, fanden die Wirte es immer als große Herausforderung, und etwas Besonderes zu servieren. Enttäuscht waren wir - obwohl es ja immer ein gewisses Risiko war - nie. Im Gegenteil : Es war sehr spannend. Über die Preise waren wir erst recht nicht enttäuscht. Man isst in Polen gut und preiswert. Viielleicht ist es etwas irritierend, dass der letzte Beitrag von einer Gitta stammt. Das ist meine Frau, auf deren PC ich das geschrieben habe.
Wolfgang Hallo,
der Reisebericht ist ungemein informativ und sehr interessant geschrieben. Es hat Freude gebracht ihn zu lesen. Eine Polen-Reise werden wir mit Sicherheit auch noch unternehmen. Dann ist der Bericht auch eine gute Planungsgrundlage. Vielen Dank, Wolfgang. Gerd Toller Bericht. Schöne Bilder. Du hast mich auf ein Land aufmerksam gemacht, dass ich bisher nicht auf meiner "WOMOkarte" hatte. Danke! hab mir den Bericht gestern abend mitgenommen und offline gelesen, Klasse!
Da müssen wir auch mal hin zumal wir Bekannte in der Nähe von Breslau haben, die arbeiten bei uns auf dem Hof. Danke für deinen schönen Bericht. Mein letzter Besuch liegt schon Jahre zurück. Im Jahr 2002 gab es in den Masuren immer Zeltplätze für Kajakfahrer. Eigenlich waren das Lichtungen in denen es eine Feuerstelle und Holz gab. Manchmal gehörte es einen Bauern der dann Abends kam und 1 EUR kassierte.
Auf dem zentralen Parkplatz in Gedansk habe ich geparkt um ein paar Fotos zu schiessen. Als ich nach 15 min zurück kam wurde schon versucht den Wagen aufzubrechen. Ich vermeide (seither )eigentlich immer große Städte mit dem Womo anzusteueren . Das ist wirklich ein sehr informativer Bericht. Vielen Dank dafür. Hätten wir nicht schon im Frühjahr den Entschluss nach Polen zu fahren gefasst, jetzt aber nach dem Bericht und den tollen Bildern werden wir nächste Woche starten.
helix1 Auch von mir ein herzlichen Dank , für den tollen Bericht.
Wollen auch wieder hin, haben bis jetzt nur die Ostsee bis zum Russischen teil abgefahren. Ein sehr guter Bericht,sehr schön geschrieben,Wolfgang.
Wir wollen jetzt im September nach Südpolen. Will dort mein polnisch testen. :D Habe schon ein paar Kurse gemacht und bin gespannt. Waren auch schon an der Ostsee und den Masuren.Hat uns immer gut gefallen. Deshalb kommt dein Bericht sehr passend. Etta :daumen2:
Klasse und DANKE für diese Infos aber da drängelt sich doch gleich wieder die Frage auf mit was für einer Camera hast Du das alles festgehalten??
Mit einer ganz normalen kleinen Digitalkamera : Pentax Optio Z 10. Ihre einzige Besonderheit ist der 7fache optische Zoom. Allerdings kann man ohne Stativ nur mit dem 5fachen fotografieren. eben mal inr ruhe gelesen.
sehr schöner bericht! kasse! grüße o Hallo Wolfgang,
Dir sage ich einen herzlichen Dank für Deinen sehr schönen Reisebericht - ein besonderes Dankeschön gilt für Deine Hinweise auf das gemordete jüdische Volk und auf Auschwitz. Das schreibe ich Dir an einem geschichtsträchtigen Tag. Die Geschichte hätte vor 70 Jahren ganz anders verlaufen können, wenn, ja wenn... Guten Mover Hallo Wolfgang,
vielen Dank für den sehr informativen Bericht. Für 2010 haben meine Frau und ich eine Polenrundreise geplant. Görlitz, Auschwitz, Krakau, masurische Seenplatte, an der Ostsee entlang zurück. Deine Ausführungen haben Lust gemacht auf mehr! Chapeau! :daumen2: Hallo Wolfgang,
nur durch Zufall bin ich heute auf Deinen Bericht gestoßen. Der muss mir damals durchgegangen sein. Vielen Dank für die tollen Bilder und die ausführlichen Beschreibungen. In der St. Anna Kirche in Warschau und in der Marienkirche in Krakau habe ich 1988 Messias gesungen. Da werden Erinnerungen wach! Vor allem auch daran, wie anders es damals noch aussah! Du hast bei den Bildern von Lublin angemerkt, dass es dort noch alte rennovierungsbedürftige Fassaden gab. Als wir 1988 dort waren, sah es aus wie eine Filmkulisse für einen Film direkt nach 1945! So etwas hatte ich noch nie gesehen. Insofern hat sich dort enorm viel getan! Ich glaube ich möchte gerne noch mal dorthin reisen! Hallo Wolfgang,
Dein Reisebericht ist super, incl. der schönen Bildern. Wir haben uns entschlossen Vatertag bis Pfingsten nach Polen zufahren, eventuell sehen wir ja noch Spuren von Euch. Karsten :D
Einer der schönsten Berichte, wenn nicht sogar der schönste Beitrag über Polen. Ich habe mich wie in einem Märchen mit auf den Weg gemacht. In Träumen war ich mit Ihnen an diesen allen Orten und mit diesen allen Menschen, und bei der alten Frau in Nowy Sącz habe ich mit Ihnen die Pilze gekauft. Ich bin echt gerührt und wirklich stolz, dass Sie mein Land und meine Landsleute so schön sehen und beschreiben. Ich bin nämlich ein Pole, der in Polen lebt und nur durch einen Zufall Ihre Homepage aufgesucht hat. Ich bin sehr beeindruckt und danke Ihnen für schöne Erlebnisse. Ich wünsche Ihnen weitere wunderschöne Erlebnisse in Polen! Alles Gute und gute Fahrt! |
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