Liebe WOMO-Freunde,
zu den dramatischen Ereignissen der Jahrhundertflut an der Cote d’ Azur diesmal berichtet ein WOMO-Freund, der nicht soviel Glück hatte. Ich möchte eine kurze chronologische Rückschau der Ereignisse geben:
11.6.: (Endlich) Abholung unseres neuen Laika X595R
12.6.: Abfahrt in den Urlaub Richtung Südfrankreich
13.6. (17.00 ): Ankunft Camping Etoile d’Argens (bei Frejus, ca. 3 km vom Meer entfernt)
14.6.: halbwegs schöner Tag, rd. 2 h am Meer verbracht (dabei das schöne Flüsslein Argens mit unserem Grabner-Kanu rauf- und wieder runter gepaddelt). Man kann es aber jetzt schon sagen: Das neue Fahrzeug ist einfach Superklasse (Fahrkomfort, Ausstattung , Design)! Wir sind rundum zufrieden.
15.6. (10.00 ) starke Regenfälle mit Sturmböen
15.6. (12.00 ) Regenpause, kleine Radtour in der näheren Umgebenung unternommen. Die dunklen Wolken in den nahen Bergen wirken sehr bedrohlich
15.6. (14.00 ) weitere nervige Regenschauer mit Sturmböen
15.6. (16.00 ) Ein Nachbar sammelt die Reste seiner Markise ein (die Mühe hätte er sich eigentlich sparen können...)
15.6. (18.00 ) Regenpause. Der sonst ruhige Fluß zeigt bereits eine starke Strömung und braune Färbung. Jede Mengen Treibholz und und Pflanzen schwimmen vorbei. Fotos werden gemacht (jetzt wissen wir’s natürlich besser, was man in solch einer Situation unternehmen sollte)
15.6. (19.00 ) Verzeifelte Versuche, einige an der Argens vertäute Boote zu retten (die sind wohl trotzdem allesamt im Meer gelandet)
15.6. (22.00 ) Weitere starke Schauer setzen ein. Das Wasser der Argens steigt, pro h wird mind. eine Stufe genommen!
15.6. (23.00 ) Aufgrund meiner Bedenken wird uns von der Leitung ein etwas erhöhter Parkplatz nahe der Rezeption zugewiesen. Dorthin flüchten wir uns, in dem festen Glauben dort einigermaßen sicher zu sein.
16.6. (3.30 ) Alarm wird ausgelöst. Ich wecke meine Frau, sie soll die wichtigen Dinge packen und sich zur nahe gelegen Rezeption begeben. Wasser strömt knietief den Hauptweg herunter, aber es sieht noch nicht dramatisch aus. Ich wate rd. 600m zurück zu unserer Pazelle, um die restlichen Dinge zu bergen ( wir haben ja ein Boot).
16.6. (3.40 ) Platz erreicht, Stühle, Tisch, Sonnendach, Fahrräder, Kabeltrommel etc. in das Boot geladen und auf den Rückweg gemacht. Gerade fällt der Strom aus.
16.6. (3.50 ) Wie hat sich die Lage verändert! Überflutete Autos blockieren den Hauptweg, man kommt kaum noch vorbei. Irgendwo hupt ständig eine Alarmanlage. Der ganze Campingplatz verwandelt sich in einen See!
16.6. (3.55 ) Erreiche das Fahrzeug, meine Frau ist bereits zur Rezeption geflüchtet. Gerade schwappt das trübe Wasser über die Türschwelle in unser schönes neues Auto – welch ein Jammer. Es bleibt nur noch Zeit, das Boot zu vertäuen und die Flucht zu ergreifen – barfuss, mit Jogginghose, ärmelloses Shirt und Jacke.
16.6. (4.00 ) Wiedersehen mit Frau an der Rezeption, alle müssen nach oben auf die Terrasse. Leider haben wir kein Handy mitgenommen.
16.6. (4.30 ) Es regnet weiter, die Menschen drängen sich wie die Pinguine unter das Dach und wärmen sich gegenseitig.
16.6. (5.30 ) Höhepunkt der Flut erreicht. Zum Glück hört der Regen auf.
16.6. (8.00 ) Jetzt scheint auch die Sonne. Überall kreisen Hubschrauber. Zuerst werden die Menschen gerettet, die es nicht zur Rezeption geschafft haben und auf dem Dach ihres Wohnwagens/Wohnmobils ausharren. Nun wird auch das wahre Ausmaß der Flut sichtbar – rings um uns treiben Wohnwagen vorbei, überall nur Wasser. Auf dem Platz steht das Wasser rd. 2m hoch. Man staunt, wie ruhig und diszipliniert sich alle verhalten. Aus der überfluteten Bar werden sämtliche Vorräte verteilt (Eis, Toast, diverse Getränke).
16.6 (10.00 ) Jetzt beginnen auch die Rettungsaktivitäten bei uns. Fast im Minutentakt trifft ein Hubschrauber ein.
16.6. (11.00 ) Ein Irrer versucht zu seinem Fahrzeug zu tauchen und wird per Hubschrauber-Sonde geborgen.
16.6. (12.00 ) Jetzt sind wir dran und steigen in den Hubschrauber.
16.6. (12.15 ) Erste Aufnahmestation (wohl an einer Schule). Froh, auf Anhieb in den dargebotenen Kleidern passende Turnschuhe, Hose und T-Shirt gefunden zu haben.
16.6. (12.45 ) Weitertransport zu einer Sporthalle. Erledigung der Aufnahmeformalitäten, Wasser und Baguettes mit etwas Schinken werden gereicht (und jede Menge Kekse).
16.6 (13.45) Es ist unerträglich heiß und laut in der Turnhalle, natürlich sind auch die sanitären Bedingungen völlig unzureichend. Die Helfer sind bemüht, wirken mit der Situation aber völlig überfordert.
16.6. (15.00) Froh, wenigstens den ADAC-Notdienst verständigt zu haben.
16.6. (17.00) Haben jetzt auch ein Apartment gefunden. Vermutlich war es nur deshalb zu haben, weil hier kaum jemand freiwillig seinen Urlaub verbringen würde.
16.6. (18.00) Schau noch mal in der Turnhalle vorbei. Um die Holländer kümmert sich jemand von der Botschaft und erledigt alles Notwendige. Wir Deutsche können sehen wo wir bleiben…Für morgen soll ein Bustransfer zum Campingplatz organisiert werden.
17.6. (9.00) Aus dem Bustransfer wird nichts. Mache mich zu Fuß auf den Weg (rd. 7,5 km) – man hat ja Zeit…meine Frau verbringt den Tag im Hotel.
17.6. (10.30) Erreiche tatsächlich den Campingplatz. Mußte auf dem Weg dorthin rd. 1 km durch knietiefes Wasser waten. Hier herrscht bereits hektisches Treiben, erste Aufräumarbeiten im Gange. Überall tote Schafe!
17.6. (10.35) Bin am Auto. Alle Türen verschlossen bzw. verklempt (habe natürlich keinen Autoschlüssel dabei), aber zum Glück ist ein Fenster offen. Danach großes Aufatmen: Alle Oberschränke + Bett trocken! Ein dicke Schlammschicht bedeckt alles, wohin die Flut gedrungen ist. Auch das Boot hat seine Position gehalten, ist allerdings umgekippt (hatte zu knapp vertäut) und hat seine Fracht verstreut (es ist aber noch alles da!).
17.6. (10.45) Das Handy ist gefunden und funktioniert! Alle Wertsachen + Kamera unversehrt!
17.6. (16.30) Alles Nasse aus dem Auto entfernt und erstmal auf den großen Haufen geworfen. Grob und im Rahmen der Möglichkeiten das Auto vom Schlamm befreit.
17.6. (17.30) Zurück am Hotel, meine Frau ist mit den Nerven am Ende.
18.6. (10.00) Diesmal kann uns jemand in die Nähe des Campingplatzes bringen, und meine Frau kommt mit. Wir freunden uns mit einem ebenfalls betroffenen Pärchen an, das im gleichen Hotel untergebracht ist (und ebenfalls auf dem gleichen Platz gezeltet hat, Ankunft am 15.6.!).
18.6. (16.00) Alle Sachen gereinigt und wieder im Auto untergebracht. Diverses musste aussortiert werden. Wir gehen mit einer großen Tasche zurück zum vereinbarten Treffpunkt und werden dort von unseren neuen Freunden abgeholt.
18.6. (16.30) Beim Bürgermeisteramt Flutopfer-Bescheinigung ausstellen lassen (kann ev. wichtig sein)
18.6. (17.00) Die Heimkehr ist organisiert. Der ADAC stellt uns einen Mietwagen zur Verfügung.
18.6. (20.00) Abendessen und Plausch mit unseren neuen Freunden.
19.9. (8.30) Wir verlassen das Hotel, ein Taxi bringt uns zu dem Ort wo der Mietwagen bereitsteht (rd. 40 km entfernt, Richtung Toulon)
19.9. (9.00) Der Taxifahrer hat Probleme, die Mietstation zu finden, aber nach einigen Telefonaten hat es geklappt.
19.9 (9.30) Übergabe des Mietwagens (Kia Carenne)
19.9. (11.30) Sind erneut am Campingplatz.
19.9. (13.30) Fahrräder, Boot und diverse Kleidung in den Mietwagen transportiert – der ist jetzt gerammelt voll. Abfahrt nach Hause!
20.9. (20.30) Willkommen daheim!
Bis dato: Gespräche mit ADAC, Versicherung etc. Unsere neuen Freunde kamen am Freitag kurz zu Besuch vorbei. Ein Termin für den Rücktransport (das Fahrzeug soll auf jeden Fall zurückgebracht werden, vermutlich das einzige auf dem ganzen Campingplatz) ist noch nicht in Sicht, und solange kann unsere Versicherung nicht tätig werden. Beim Händler bereits ein neues Fahrzeug aus der laufenden Produktion gesichert (vielleicht wird das noch bis Ende Juli).
Allen denen man diese Story erzählt sind völlig fassungslos, man kann es selbst kaum glauben.
Unser Mitgefühl gilt den Opfern + Angehörige und natürlich denen, die es noch schlimmer getroffen hat als uns.
Michael und Anna

