So, ich habe den Text eingescannt . Leider stimmt etwas mit dem Zeilenumbruch nicht. Aber es ist auf jeden Fall lesbar.
Beweise
fehlen
Überfälle mit
Narkosegas auf
Urlauber erhitzen
die Gemüter. Aber:
Gibt es sie über-
haupt?
Schnell sind Reisemobilis-
ten beim Thema: den Horror-
geschichten über ausgeraubte/
mit Narkosegas betäubte
Urlauber. Bundesweit jedoch
kommen die Landeskriminal-
ämter (LKA) zu einem überra-
schenden Schluss: Bisher sei
noch nie mit letzter Sicherheit
nachgewiesen worden, dass bei
einem Überfall auf ein Freizeit-
fahrzeug Betäubungsgas zum
Einsatz gekommen ist.
Pressesprecher Fredereck
Holtkamp vom LKA Nord-
rhein-Westfalen bestätigt:
„Gasüberfälle sind kein Thema.
Dank starker Polizeipräsenz sind
Überfälle auf Reisemobile und
Caravans generell stark zurück-
gegangen." Udo Bühler von
der hessischen Fraktion zählt
27 Überfälle auf Reisemobile
und Wohnwagen im jähr 2002,
doch „in keinem der Fälle war
ein Narkosegas nachzuweisen".
Narkosegas nur vermutet
Nachdem es in Bayern
zwischen März und Juli 2002
insgesamt 41 solcher Überfälle
gegeben hatte/ bildete das
Bayerischen LKA die Sonder-
kommission „Zugvogel". Die
subjektiven Aussagen der be-
fragten Opfer ließen zwar die
Vermutung zu, dass die Täter
in zwölf Fällen bei ihrem Raub
mit narkotisierenden Mitteln
gearbeitet hatten.
Doch bei elf Geschädigten
gab es außer dem selbst geäu-
ßerten subjektiven Empfinden
keinen konkreten Beweis über
den Einsatz eines Betäubungs-
mittels. Weder im Fahrzeug
noch am Aufbau fanden sich
verwertbare Spuren, ebenso
wenig in der näheren oder wei-
teren Umgebung des Tatorts.
Kriminalhauptkommissar
Alexander Wolf, Leiter der Soko
Zugvogel, weiß: „Bei den Über-
fällen auf Freizeitfahrzeuge ist
es uns bisher nicht gelungen,
zweifelsfrei den Einsatz eines
Narkosemittels nachzuweisen.
Auch das von uns eingeschal-
tete Institut für Rechtsmedizin
in München zeigte sich sehr
skeptisch."
Rätselhaft bleibt der Fund
sehr geringer Spuren von
Chloräthan im Organismus
eines ausgeraubten Ehepaares.
Dieser Stoff befindet sich etwa
in Kältesprays, eingesetzt bei
Verstauchungen und Prellun-
gen. Das überfallene Ehepaar
versicherte jedoch, kein solches
oder ähnliches Spray verwendet
zu haben. Letztlich bleibt un-
geklärt, wie oder wodurch das
Chloräthan in den Organismus
der Betroffenen gelangte.
Opfer Uwe W. aus dem
Ruhrgebiet berichtet/ dass er
mit seinem Gespann fast ohne
Pause etwa 800 Kilometer
weit bis Lyon gefahren sei.
Aus Sicherheitsgründen habe
er auf einer großen, belebten
Raststätte in der Nähe der gut
beleuchteten Tanksäulen ge-
parkt: „Ich habe zwei Stunden
geschlafen, war aber erst nach
sechs Stunden richtig da." Er
klagte über Kopfschmerzen, ein
Gefühl der Benommenheit und
trockenen Hals. Das Türschloss
seines Caravans war geknackt,
Handy, Geld, Papiere und ande-
re Wertgegenstände fehlten.
Übermüdung als Ursache
Uwe W. ist sicher: „Ich wet-
te, da war Schlafgas im Spiel."
Gedanken über eingeatmete
Benzindämpfe oder Übermü-
dung macht er sich nicht. Auch
seine Kinder Julia, 5, und Dani-
el, 7, hatten von dem Einbruch
nichts gemerkt. Sie schliefen im
Caravan auf derselben Ebene
wie ihr Vater. Schiebetüren gab
es nicht.
Dennoch litten sie weder
an Kopf- noch Halsschmerzen
oder sonstigen Beschwerden.
Julia und Daniel fühlten sich
topfit. Wenn ein Betäubungs-
gas einen kerngesunden, 80
Kilogramm schweren Mann in
Tiefschlaf versetzt, müsste es
seine nur ein Drittel so schwe-
ren Kinder viel härter treffen.
Dazu sagt ein
Professor* vom toxi- .— ^.•;,
tungen mit Folgeschäden, lang
andauernde Bewusstlosigkeit,
Verwirrtheitszustände oder
zumindest lang anhaltende
Benommenheit müssten fest-
stellbar sein. Mit Narkosegas
kann man jeden Menschen
betäuben."
Dazu jedoch bedarf es
umfassender Kenntnisse der
Anästhesie, der Wirkung des
verwendeten Gases, seiner Kon-
zentration in der Atemluft sowie
der körperlichen Verfassung
und Konstitution des Opfers.
Es soll möglichst schnell sein
Bewusstsein verlieren, tief und
lange schlafen.
Aufbau und Grundrisse
von Reisemobilen sind sehr
unterschiedlich. In einigen
schlafen alle Reisenden auf der-
selben Ebene, in Modellen mit
Stockbetten und/oder Alkoven
übereinander. Die Schlafebenen
liegen also meist unterschied-
lich hoch.
Strömt
Gas durch Lüf-
tungsschächte oder Fenster ins
Innere ein, sinkt es zunächst auf
den Boden und breitet sich dort
aus: Gas ist schwerer als Luft.
Um nicht nur die schlafenden
Personen im Untergeschoss,
sondern auch die im höher ge-
legenen Bereich zu betäuben,
wäre eine sehr große Menge
Gas nötig. Der Innenraum
müsste praktisch bis zur Decke
gefüllt werden.
Die Schläfer im Parterre
würden deshalb erheblich mehr
Gas einatmen als jene, die ^
Die verschiedenen Gasarten, die bis-
lang als Tatwaffe diskutiert wurden,
konnten noch nie im Körper von Über-
fallopfern nachgewiesen werden.
*Name der Redaktion bekannt
Die Tiefschlafphasen des Menschen verlaufen zyklisch. Kurz nach dem Einschla-
fen erfolgt die intensivste Phase. Hier merken Menschen selten, was um sie
herum geschieht. Wer übermüdet Ins Bett fällt, ist dann ein leichtes Opfer.
weiter oben übernachten.
Demnach müsste es zu einem
unterschiedlichen Grad der
Beeinträchtigungen und Vergif-
tungen kommen, je nachdem,
wer und mit welcher körper-
lichen und gesundheitlichen
Konstitution wo im Reisemobil
geschlafen hat.
Das Einleiten von Gas
- Äther oder Chloroform
- mit einer Spritze würde nicht
ausreichen, um die gesamte
Besatzung eines Reisemobils
zu betäuben. Ganz abgesehen
davon bestände bei entspre-
chender Konzentration oder
Vermischung mit Luft eine sehr
hohe Explosionsgefahr, der sich
ein Einbrecher kaum aussetzen
würde.
Um von außen den Innen-
raum eines Caravans mit Gas zu
befüllen/ wäre der Inhalt einer
großen
Gasflasche erforderlich.
Dies führte zu größeren Proble-
men technischer Art: Die Täter
müssten bei ihrem Vorhaben
eine große und schwere Gasfla-
sche mitführen. Das Narkosegas
einzuleiten, wäre mit einer nicht
unerheblichen Geräuschent-
wicklung verbunden.
Auch ist es wenig wahr-
scheinlich, dass die Täter nach
erfolgtem Raub auf ihrem
schnellen Rückzug eine schwere
Gasflasche mit sich schleppten.
„Wir haben weder am Tatort
noch im näheren oder wei-
teren Umfeld Hilfswerkzeuge
entdeckt, die sich zum Einleiten
betäubender Substanzen in ein
Reisemobil geeignet hätten."
Das bestätigen die Ermittler des
bayerischen LKA.
Auch der Versuch, bei den
Opfern selbst Spuren von ver-
abreichten Betäubungsstoffen
zu finden, war negativ. Bärbel
Cotte-Weiß vom LKA Branden-
burg sagt: „Der Einsatz von
Narkosemitteln lässt sich nur
sehr schwer nachweisen, weil
nach einer Blutprobe das Blut
eines Geschädigten beim Trans-
port immer unter 20 Grad ge-
halten werden muss. Bei einem
Streifenwagen ist dies in der
Regel nicht gewährleistet."
Türen schnell zu knacken
In Bayern waren die Ermitt-
ler der Soko nach einem Überfall
sofort vor Ort. Per Kurier wurde
die Blutprobe zur Untersuchung
gebracht. Die Analyse erbrachte
keine Spuren von Stoffen, die
auf ein wie immer auch gearte-
tes Gas hinwiesen.
„Ich persönlich halte es
für ausgeschlossen, dass von
außen Gas in die Freizeitmobile
eingeleitet wurde", mutmaßt
Alexander Wolf, Leiter der Soko,
„das ist auch die Mehrheitsmei-
nung unserer Mitarbeiter." Falls
überhaupt ein Betäubungsgas
verwendet worden sei, dann
erst im Fahrzeug.
Die Schlösser an den
Türen von Freizeitfahrzeugen
sind meist relativ schnell und
geräuschlos zu überwinden.
Wie bei Wohnungseinbrüchen
kommt es dem Täter auf schnel-
les Arbeiten im Sekundenbe-
reich an. Wertgegenstände auf
Ablagen oder offen abgelegt im
Wohnbereich wechseln blitz-
schnell den Besitzer.
Laut Hauptkommissar Wolf
wird die Situation dann kritisch,
wenn das Opfer im Schlaf un-
ruhig wird oder sich der Täter
entschließt, das Fahrzeug näher
zu durchsuchen. Dann - so die
Theorie - könnte sich ein Täter
möglicherweise entschließen,
ein Narkosemittel einzusetzen.
Aber welches Gas? Auch
hier bleibt nur Spekulation:
Skeptisch äußern sich Toxiko-
logen wie Gerichtsmediziner.
Kältesprays oder Startpilot
bringen nicht die Wirkung. Die
Spraydose, die auf Knopfdruck
ein Opfer in Sekundenschnelle
bewusstlos macht/ ist noch
nicht erfunden.
Herkömmliche Narkosemit-
tel wirken nicht so schnell, als
dass sie sich für einen Überfall
im Inneren eines Reisemobils
eigneten. Gäbe es solche Sub-
stanzen, würden sie nicht nur
bei Überfällen auf Freizeitfahr-
zeuge eingesetzt, sondern auch
bei anderen Überfällen. Ihr Ein-
satz ist bisher jedoch noch nie
dokumentiert worden.
Gab es bisher also gar
keine Überfälle mit Narkosegas
auf Reisemobilisten? Außer den
Schilderungen der Geschädig-
ten fehlen Beweise. Kritisch
betrachtet sind Überfälle, wie
von Reisemobilisten kolportiert,
eher unwahrscheinlich. Den-
noch bleibt Vorsicht geboten.
Der Autor
Professor Dr. Kurt Mesle aus La-
denburg kennt seit über 30 Jahren
die Camperszene aus eigener Erfah-
rung. Er ist studierter Kriminalsozi-
ologe und war Fachbereichsleiter
an der Berufsakademie ,
Baden-Württemberg im j4
Bereich Sozialwesen. ^H
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REISEMOBIL INTERNATIONAL 5/2004