Zuhause bleiben hieße aber sich geschlagen geben, den Familienkarawanen ihren Platz gönnen.
Wollen wir dies? Mitnichten. Meine Taktik ist es, so früh als berufstechnisch möglich loszufahren und ein Reiseziel um NRW zu wählen, welches möglichst nur im 250 km Radius liegt.
Denn wer wie wir vor dem Leverkusener Kreuz lebt, der weiß, daß ab frühen Abend im Umkreis von 100 km erstmal alles maximal im Schritttempo geht, vor solchen Feiertagen.
Das Wetter? Angesagt ist durchwachsen mit Chancen auf Sonne und Temperaturen um 20 Grad.
Dazu hat mich vor drei Wochen mal wieder das Zipperlein gepackt, große Strecken laufen mit Berg und Tal könnten mit Rückfall enden. Traditionell haben wir schon viele Osterfeste in den Niederlanden verbracht, warum also nicht und warum nicht mal wie sonst vom Meer abweichen und einen völlig ausgefallenen Ort besuchen, Giethoorn das Venedig der Niederlande.
Donnerstag, am frühen Nachmittag um 14:00 Uhr kommen wir los, kämpfen uns über die A3 mit mäßigem bis starken Verkehr Richtung Elten, über die niederländische Grenze. Weiter Richtung Meppel verlassen wir gegen 17:45 Uhr die Autobahn und kommen gegen 18:00 Uhr auf dem Stellplatz Haamstede zwischen Steenwjik und Giethoorn an. Auch ohne Navi hätten wir den Platz gut gefunden, ist er doch hervorragend beschildert. In der Nähe befinden sich auch mehrere Ausweichplätze und Minicampings, die alle ausgeschildert sind.
Der Platz ist recht voll, macht ein wenig auch den Anschein eines geführten Campingplatzes, obwohl hier aber kein Wohnwagen zu sehen ist.
Ich humpele in ein Gebäude, wo ein "Welcome" Schild baumelt und lande im Vorflur einer Küche. Es riecht nach Pommes und Frikandel. Ein Mädchen ruft ihre Mutter und ich werde freundlich begrüßt. Es gibt noch einen Platz, aber ohne SAT Empfang.
"Gute Frau...dieser Platz hier ist so schön, so groß, sie werden für einen gichtkranken halbwaisen Hauptschüler noch ein Plätzchen mit freier Sicht auf Süden finden. Bis Montag ohne Fernsehen..Schnief…ich mach ein trauriges Gesicht.
Montag war das Zauberwort, wußte ich es doch, Geld regiert die Welt.
Sie schleppt eine andere Tochter ran, die mir nichts dir nichts einen Platz herzaubert. Ich muß über Wiese fahren und werde vor einen Picknickplatz rangiert, aber egal. Sicht aus der Frontscheibe auf den Schiffskanal und problemloser Fernsehempfang.
Heute könne ich Strom haben, danach erst einmal nicht mehr, es kommen noch zwei Mobile.
Obwohl man den Platz nicht reservieren kann, kann man ihn wohl doch reservieren.
Mir egal, wir stehen und wir testen nun einfach mal unsere zwei neuen Aufbaubatterien und unsere Solarpanele. Sollten die Stromräder schwächeln, hilft quatschen und ein Fünfeuroschein immer.
Wir bekommen eine Speisekarte gereicht, wo wir die üblichen holländischen Fastfoodspezialitäten ankreuzen können, ein Uhrzeit eintragen und dann die fertigen Speisen ans Wohnmobil gebracht bekommen. Brötchen für den folgenden Morgen können wir auch zur uns passenden Uhrzeit bestellen. Ich bin leicht irritiert, so etwas kannte ich bisher nicht.
Sensationell der Preis, der auch gleich am Wagen kassiert wird. Für vier Nächte 44 Euro.
Strom würde 2€ Aufpreis pro Tag kosten, eine komplette Frischwasserfüllung kostet 50 Cent.
Entsorgung, Nutzung der Spül, Wasch und Sänitärkabinen ist frei, nur die Duschen kosten ebenfalls 50 Cent. Und obwohl ich eigentlich ein Verweigerer dieser "Fremdbäder" bin, diese sind so modern und sauber, daß Edda und ich sie beide nutzen, damit wir die vier Tage mit dem Wasservorrat auskommen und nicht unnötig die Wiese verschandeln.
Vor dem Sanitärgebäude steht immer ein überdachter Tisch, wo örtliche Spezialitäten vom Bauern angeboten werden. Obwohl vor dem Platz eine Zufahrtsstraße und hinter dem dazwischenliegenden Kanal die Fernstraße herführt, ist es am Abend und in der Nacht sehr ruhig, so daß man hervorragend urlauben kann. Immer wieder fahren über den Tag Boote und Yachten an der Wohnmobilscheibe vorbei.




Rechts vom Platz geht es zu einer Schiffsbrücke, so daß man über den Kanal am Yachthafen vorbei in den historischen Stadtkern gelangt. Zum Abstellen der Räder bietet sich ein großer Parkplatz an, an den sich die Touristeninfo, eine Bank und ein Supermarkt anschließen.
Von 9-18 Uhr kann man hier täglich, auch sonn und feiertags alles bekommen, was man zum Leben braucht.
Man findet einige Schilder mit der Aufschrift "Passage", die einen sofort zum Anfang des historischen Ortkerns führen. Eine Promenade entlang eines Kanals mit Ausflugsbooten und Restaurants. Sofort werden wir angesprochen, ob wir nicht eine Rundfahrt mitmachen möchten.
Kaffee oder Tee umsonst.
Ja, wir sind in Venedig, wir sehen aus wie Touristen und alt genug, uns übers Ohr zu hauen sind wir wohl auch. Für Leute, die nicht so häufig in die Niederlande fahren, es ist wirklich unüblich, daß man angesprochen oder animiert wird, abseits von Stränden in der Hauptsaison.
Schon das reizt. 6 Euro pro Nase für eine Stunde und der Mops kann mit. Die haben gewonnen und wir sitzen im Boot.
Und wir können es als Einstieg wirklich empfehlen, man bekommt einen Eindruck, es wird ein wenig über das alte Torfstecherdorf erzählt. Durch die Grachten geht es auf einen großen See, auf dem früher Torf gestochen wurde, auf dem ein großer Pavillon steht, der geradezu dazu einlädt, hier am Abend windgeschützt zu essen und den Sonnenuntergang zu genießen. Der See ist überall auch nur etwa einen Meter tief, da der Torf sich hier durch Sand abwechselte. So können im Notfall die Boote auch noch mit einer Stange gestakt werden. Im Ort gibt es viel Abwechslung durch die vielen mit Schilf gedeckten Häuser und Gärten, die wirklich einzigartig gestaltet sind. Gasthöfe, Kunstgeschäfte und Museen bieten für jeden etwas. Und auch ein Besuch am Abend, interessant für diejenigen, die vielleicht mal im Herbst oder Winter diesen Ort besuchen, da verwandeln Laternen und Lichterketten Giethoorn in einen ganz besonderen Anblick.
Und ist es im Winter mal länger richtig knackig kalt, da werden die Grachten zu erlebnisreichen Eislaufflächen.










Aber heute am Samstag, da müssen wir erstmal wieder meine Schusseligkeit ausgleichen, habe ich doch beim Laden mal wieder mein wichtigstes Freizeitutensil vergessen, meine Joggingbüx.
Also etwa 7 Km nach Steenwijk geradelt, ein größeres Städtchen mit Fußgängerzonen und einem Markt. Ein Besuch lohnt unbedingt und schon die Radtour am Kanal entlang bietet viel Abwechslung mit Booten, Anglern und vor allem der Natur. Unzählige Vögel und Kleintiere sieht man immer wieder. Ja und eine Joggingbüx, die findet man in jedem Fall. Und damit die besser sitzt, sollte man sich im Straßencafe am Marktplatz ein Tostie mit Ham un Kaas gönnen. Oder wenigstens frische Matjes.




Kommt man wieder nach Giethoorn, merkt man auch schnell, daß sich das Aussehen der Bevölkerung in Minuten verändert. Von Blond nach schwarzhaarig und von Kulleraugen zu Mandelaugen. Ehrlich, in den Niederlanden sieht man viele Kulturen aus den damaligen Kolonien, aber niemals habe ich diese Massen von Japanern dort erlebt. Sogar in Brautkleid lassen sie sich dort fotografieren und es sind wahrscheinlich die einzigen Geschöpfe dieser Erde, die es schaffen, einen Auslöseknopf oder eine Speicherkarte zu verschleißen. Ein Mädel Hab ich dabei beobachtet, wie sie den eingeklemmten, aus der geschlossenen Autotür ragenden Anschnallgurt ablichtete.
Wenn in naher Zukunft Gurte nicht mehr verklemmen, haben wir es ihr höchstwahrscheinlich zu verdanken.
Angefixt von der Rundfahrt wollte ich mir unbedingt mal den Kindheitstraum erfüllen, eine eigene Motoryacht zu steuern. Habe ich allenfalls mal auf einem Tümpel in Solingen gerudert und in der gesperrten Zone vom Gardasee mal das Tretboot oder unser Gummiboot den Söhnen für Sekunden abgerungen. Eine Yacht mit 6 Sitzen und einem fortschrittlichen kraftvollen Elektromotor liegt verlockend an der Anlegestelle. Eine Stunde für 15 Euronen, zwei für 25. wir wissen nicht, wie Muffin sich als Schiffshund macht, so nehmen wir die Stunde. Der Preis ist gut, weiter im Ort geht er maximal auf 12 Euronen runter, wir können ja unterwegs noch vier Gäste zuladen und so sogar Gewinn erzielen. Eine Seekarte mit einer Route, die etwa eine Stunde dauert, die gibt es umsonst dabei.
Ein Drehgriff mit "Vorwärts" "Neutral" und "Rückwärts" und der Motor lässt sich nach Links und Rechts bewegen. Die unzähligen Japaner können das auch alle, hab ich von oben gesehen.
Aber kaum sind wir auf dem Wasser, was soll ich euch schreiben, rücksichtslose Rüpel.
Viel zu schnell, alles Geisterfahrer und quer stellen sie sich und versuchen uns zu entern.
Ich vermute, sie wollen den Mops erbeuten für ihr abendliches Barbecue.
Aber ein paar Grachten weiter, da habe ich den Dreh raus. Immer entgegengesetzt lenken und immer Gas geben, ob vorwärts oder rückwärts. Nur so lässt sich auf dem Wasser steuern.
Wir finden auch die Route, an einer Mühle fahr ich zu weit, aber das Wendemanöver gelingt und mit extrem hoher Geschwindigkeit geht es wie beschrieben auf den See, an Smits Pavillon vorbei.
Aber was ist das? Es war den ganzen Tag recht windig, aber da es warm war, hab ich mir keine Gedanken darum gemacht. Wir werden hin und her geschaukelt, meterhohe Wellen, das Wasser spritzt ins Boot. Edda reißt den Mops hoch, kann ihn gerade noch vor dem Ertrinken retten. Erneute Flutwellen durchnäßen uns vollständig. Ich fahr näher an Land, aber das macht die Sache noch viel schlimmer. Auf dem See hören wir die Hilferufe der wohl untergehenden Japaner.
Gut, die sind es in ihrer Mentalität gewohnt, sich zu opfern, aber ich fühl mich an diesem Tag zu jung. Mit allem Mut gebe ich Vollgas und steuere auf den See hinaus und setze mich hinter ein großes Ausflugsboot. Immer noch schwappen ab und an Wassermassen ins Boot und wir haben das Gefühl nicht voran zu kommen, aber dann sehen wir die Einfahrt "4".
Toll, wir müssen in die "5". Mit letzter Kraft erreichen wir die richtige Grachteneinfahrt und sofort wird das Wasser wieder lammfromm.
Im Ernst ist es Übungssache. Grade gegen die Wellen weit raus, dort brechen sich keine Wellen mehr und dann grade mit den Wellen rein. Dazu ist der See ja nur einen Meter tief.
Wer dort ist, macht es. Es ist ein tolles Erlebnis und es lohnen sich auch die weiteren Touren, die bis auf vier Stunden ausgedehnt werden können. Muffin hatte übrigens einen Riesenspaß.
Ganz im Gegensatz zu den vielen Holzbrücken, wo er anfangs blockte, dann gaaanz vorsichtig und letztendlich dann geübt drüber schreitete. Immer aber mit Mißtrauen und Respekt.
Wir waren oft in den Niederlanden, aber dies ist für uns einer der schönsten Orte und nicht nur von Europa, sondern weltweit fanden wir beide. Ob allein, mit Kindern oder Haustier. Hier findet man für ein langes Wochenende und auch für einen längeren Urlaub viel Abwechslung und die Ruhe des Wassers.
Der Stellplatz ist mehr als perfekt und wird von unglaublich freundlichen Besitzern betrieben.
Unterm Gras ist der Untergrund gefestigt, so das man sich auch abseits der Rasensteine nicht festfährt. An unserem Abfahrtag war das Wetter umgeschlagen, trotzdem konnte vom Phoenix-MAN bis zum Ducato1 jeder ohne Schlammbad den Platz verlassen. Und an normalen Tagen werden auch die Stromsäulen für alle reichen. Wir hatten Glück, unsere E-Bikes haben das lange Wochenende durchgehalten, was aber bei dem flachen Land keine Kunst ist.









