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Ein Frühling in Marokko - ein weiterer Reisebericht


sirtoby am 10 Dez 2020 20:47:40

Den gesamten Reisebericht mit allen Bildern findet Ihr hier:

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Alle Informationen sind aus dem Jahr 2019, als ich die Reise unternahm. Leider musste ich zwei Teile des Berichtes entfernen, da die Postings auf 30.000 Zeichen beschränkt sind.

Los geht's - viel Spaß beim lesen!
Tobias


Ein Frühling in Marokko

Auf nach Marokko! Durch Belgien, Frankreich (Lille – Paris – Bordeaux) und Spanien (San Sebastian – Burgos – Salamanca – Sevilla) führte der Weg nach Algeciras; gute vier Tage Zeit hatte ich mir für diese 2.573 km gelassen, da ich unterwegs auch noch einige Vorbereitungen zu erledigen und mir in Spanien drei Städte angeschaut hatte. Einen weiteren Tag habe ich mir zur Besichtigung von Gibraltar, für den Erwerb des Fährtickets und für Einkäufe genommen, eh dass es dann endlich auf die Fähre ging. [Praktischer Tipp: Tickets bei Carlos kaufen; Wohnmobil und eine Person 170 EUR.]

Teil 1: Von Tanger Med über Assilah bis El Jadida

Bei der Ankunft in Tanger Med (für Mediterran) empfing mich ein moderner großer Hafen. Die Abwicklung bei der Einreise ging recht zügig und professionell vonstatten: das Wohnmobil musste grob inspiziert und überprüft werden, ob ich wirklich alleine reiste, keine Waffen und Drohnen dabei hatte; gründlich war die Inspektion nicht.
So fuhr ich bald über die Autobahn gen Süden an Tanger vorbei mit dem Ziel Assilah, eine kleinere marokkanische Stadt und laut Empfehlung eines Freundes ein guter Einstieg in das Land und städtisches Leben.

Nach der Abfahrt von der Autobahn und Entrichten der Gebühr hielt ich auf dem angrenzenden Parkplatz, wo ich direkt von einem älteren Mann auf einen Schraubendreher angesprochen wurde: seine Tochter (Marokkanerin aus Köln) hatte ein Problem mit ihrem Türschloss. Ich nahm mein Werkzeug und ging zu dem Auto mit der blockierenden Tür. Während wir uns auf deutsch austauschten, öffnete ich den Türverschluss und nutzte die Gelegenheit, nach einem Campingplatz zu fragen. Sie konnten mir einen empfehlen und sicherten mir zu, dass ich einen guten Preis bekäme, wenn ich den Namen des Cousins nennen würde. Letzterer lebte unweit vom Campingplatz entfernt.
Da war schon das erste Anzeichen, dass es in Marokko viel um Preisverhandlung und Beziehungen geht. So fuhr ich in den Ort, orientierte mich und landete auf einem Wohnmobilstellplatz neben besagtem Campingplatz – und traf direkt auf den Mann, den ich in Spanien vor der Fähre kurz gesprochen hatte. Er hieß Uwe und so saßen wir mit seiner Frau Brigitte abends noch zusammen und lernten uns kennen. [Praktischer Tipp: Maroc Telecom, SIM-Karte für 30 MAD plus 10 GB für 100 MAD.]
Das Tor zum Hafen von Assila

Die Promenade führte am Meer entlang geradewegs zum Hafen und zum Stadtzentrum. Ich war schon gespannt zu erleben, was hinter dem Begriff “Medina” steckt. Nach Durchschreiten eines Tors in der Stadtmauer stand ich fast mittendrin: die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und gedrängten Häusern war zwar klein, aber ich ahnte schon, dass man sich darin hervorragend verlaufen kann.

Er heiße Abdel Hafid Mustafa und er sei Künstler – so sprach mich ein Mann von der Seite an. Ob ich einige seiner Bilder sehen wolle? Musiker sei er auch. Abdel rollte ein paar seiner Bilder auf dem Boden aus. Das Papier habe er auch selbst gefertigt und es sei extrem belastbar, nahezu unverwüstlich! Ich ahnte noch nicht, welche Geschichten sich Verkäufer ausdenken können, um ihr Produkt noch attraktiver erscheinen zu lassen. Bei der Beschreibung zu dem Bild einer gleichberechtigten, selbstbewussten Frau, welches seiner Meinung nach zweifelsohne das Verständnis in der modernen Gesellschaft sein sollte, hatte er mich als emanzipiertem Zentraleuropäer sofort gewonnen. Im Hintergrund war eine Medina zu sehen. Ich nahm zusätzlich das Bild von den beiden Musikern, und weil es zwei Bilder waren, bekam ich einen Mengenaufschlag als noch nicht handelserprobter Tourist. Egal – die Bilder gefielen mir sehr, und zusätzlich hatte er vormittags schon seinen Tages- oder gar Wochenverdienst zusammen.
Später fand ich heraus, dass das Papier, auf dem Abdul die Bilder gemalt hatte, von Linsen- oder Reis-Säcken stammte…

Bild: Abdel der Künstler
Bild: Schön, wenn man bei der Arbeit so viel Spaß hat!
Bild: Turkish Delight und Schlafanzug mit Schaf

Uwe hatte von einem wöchentlich wiederkehrendem Berbermarkt gehört, der ausgerechnet heute stattfinden sollte. Bauern aus der Bergregion kommen in den Ort und bieten Gemüse, Obst, aber auch Korb- und andere handgefertigte Waren an. Der Markt sei nicht weit entfernt – ob wir ein Auto hätten? Und so machten wir drei Marokko-Anfänger uns auf den Weg.
Nach drei bis vier Kilometern – wir hatten den Ortsrand wohl schon erreicht – kam es uns komisch vor und wir erklärten die Expedition für gescheitert und kehrten um. Allerdings gingen wir nicht in Strandnähe, sondern weiter im Landesinneren zurück. Die Bewohner der Straßen, durch die wir dann kamen, schienen sich zu wundern, weil sich sonst bestimmt nie Touristen hierher verirrten. Als wir fast wieder an unserem Ausgangspunkt ankamen, trafen wir auf eine Straße, an deren Rand links und rechts Gemüse, Obst, aber auch Korb- oder andere handgefertigte Waren angeboten wurden. Mission completed! Wir hatten den Berbermarkt doch noch gefunden.

Moulay Bousselham war der nächste Stop auf meiner Route gen Süden. Der Ort liegt schön an einer Lagune, der Campingplatz direkt am Wasser. Leider ist letzterer komplett eingegzäunt, sodass man nicht direkt ans Ufer gehen kann. Zum Ort selber muss man einen Hügel hinaufsteigen, um dann auf die Hauptstraße zu gelangen, die von Geschäften und Restaurants gesäumt ist. Sie mündet in einen großen Platz mit einer Moschee und einem tollen Blick auf die Lagune. Ich kam pünktlich zum Sonnenuntergang an – grandiose Stimmung. Das Städtchen ist nicht sonderlich groß und bot mir nicht so viel, sodass ich nach zwei Übernachtungen weiterfuhr.

Bild: Die Bucht von Moulay Bousselham
Bild: Café Atlantico

Anders verhält es sich mit der Hauptstadt Rabat: dort war mein erstes Ziel ein Carrefour, da ich auch Bier kaufen wollte. Das ist in einem muslimischen Land gar nicht so einfach, aber zumindest hatte ich gelesen, dass die in Marokko ansässige französische Supermarktkette alkoholische Getränke anbot. Die Fahrt durch die Straßen der Hauptstadt war schon abenteuerlich: gedrängter und wuseliger Verkehr und viele Leute am Straßenrand; etliche, die mich und mein Wohnmobil anschauten. Ich erreichte den Carrefour, parkte und ging durch die Gänge des Supermarktes – kein Bier zu finden. Ich fragte einen Verkäufer auf rudimentärem Französisch, wo ich den „la Bierre“ finden könne. Er führte mich durch einen Vorhang und eine Tür in einen separaten Verkaufsraum voll mit Wein und Bier. Tres bien. Allerdings musste man das Gebäude dann auch durch einen separaten Ausgang verlassen – von Security-Personal bewacht. Auf einmal kam ich mir nur noch geduldet vor, nicht mehr erwünscht.

Ich steuerte einen Parkplatz am Meer unweit der Medina an. Dort angekommen wurde ich von einem Wärter eingewiesen. Ich war sehr vorsichtig, war es doch mein erster öffentlicher Parkplatz in einer größeren Stadt. Ich blieb erstmal am Rand des Platzes und schaute, wie die Wellen gegen die Felsen schlugen, das Wasser in die Höhe spritzte und versuchte abzuschätzen, ob mein Gefährt hier sicher stehen würde – oder nicht. Nach etlichen Minuten beschloss ich, mich auf den Weg in die Medina zu machen. Ich ging am Friedhof entlang den Berg hinauf und stand vor dem Tor zur Medina. Diese war in keinster Weise mit der von Assilah zu vergleichen: viel größer, viel mehr Menschen und ein Geschäft nach dem anderen. “Geschäft” darf man hier nicht europäisch verstehen; es ist ein zur Straße geöffneter Verkaufsraum. Manche kann man betreten, in andern verkauft der Verkäufer über eine Theke zur Straße hin. Ist der Eingang durch zwei gekreuzt aufgestellte Besen versperrt, so bedeutet dieses (vorübergehend) geschlossen. Ladendiebstähle dürfte es demzufolge nicht geben.

Bild: Streetart in Rabat

Die Medina war in Planquadraten angelegt, was die Orientierung erleichterte; das Treiben und Gewusel der vielen Menschen und das Stimmengewirr wirkten dem jedoch entgegen. Ich ahnte nicht, wie verwinkelt und wie geschäftig es noch in anderen Städten werden würde. So viele unterschiedliche Eindrücke: einfache Buden und bessere Geschäfte; kurze Straßenabschnitte, die gepflastert wurden – bezahlten es die Anrainer? Normalerweise ging man direkt über Erde und Sand. Und dann stieß ich auch erstmalig auf Souqs: in diesen teilweise überdachten Straßenzügen befanden sich ähnliche Geschäfte: in dem Textil-Souq gab es Kleidung und Schuhe, in dem Einrichtungs-Souq gab es Lampen, Stühle, Tische und Accessoires, im Metzger-Souq gab es Schafsköpfe, Vorder- und Hinterläufe, Stücke vom Rind oder auch Kamel. Im Fisch-Souq gab es Fisch. Dann kamen die Garküchen und Kioske, flankiert von Süßgebäck-Ständen. Ein netter Herr sprach mich an, eröffnete das Gespräch mit Fragen nach meiner Person und Herkunft und empfahl mir ein Restaurant; als er dann sein Angebot auf Haschisch erweiterte, wollte ich wieder etwas mehr Weitläufigkeit haben und verließ die Medina durch ein anderes Tor und wand mich der Ville Nouvelle zu.

Ich durchquerte einen Park, passierte das Theater, dem gegenüber ein neuer und noch im Bau befindlicher Gebäudekomplex lag. Mein Ziel war die protestantische Kathedrale im Art-Deco-Stil. Christliche Kirchen gibt es in einem muslimischen Land selten. Dort angekommen setzte ich mich zu einem telefonierenden Mann auf eine Bank zum verschnaufen. Als dieser sein Telefonat beendete zog er eine Zigarette aus einer Packung und fragt mich: „Do you mind if I smoke?“ Ich verneinte und es entwickelte sich ein Gespräch zwischen uns. Er sei Sohn einer Schwedin und eines Marokkaners und habe sein Leben lang in Stockholm gelebt. Sein 18-jähriger Sohn käme ihn bald wieder besuchen; er selbst musste gute 50 Jahre alt gewesen sein. Das Leben in Schweden habe er einfach nicht mehr ausgehalten; der zunehmende Kapitalismus und der abnehmende direkte zwischenmenschliche Kontakt zugunsten des virtuellen Lebens würde es ihm unerträglich machen. Daher sei er vor über 10 Jahren ausgereist und habe in Marokko schon in verschiedenen Städten gewohnt und genieße die Entspanntheit und den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Bild: Cathédrale Saint-Pierre

Nach dem netten und interessanten Gespräch setzte ich meine Stadterkundungstour fort und stieß auf Le Tour Hassan. Es ist der 44 Meter hohe Turm einer Moschee und mit etlichen Säulenstümpfen das Überbleibsel einer Moschee, die 1755 von einem Erdbeben zerstört wurde. Sie gilt als Wahrzeichen der Stadt Rabat.

Bild: Le Tour Hassan
Bild: Cat and man

Die Beschreibung der Kasbah les Oudaias las sich im Reiseführer sehr spannend mit ihren Gassen und dem Andalusischen Garten. So wählte ich diesen Ort als letztes Besuchsziel in Rabat. Nachdem ich das Tor Bab Oudaias durchschritten hatte, wurde ich gleich von einigen Männern angesprochen, ich solle hier oder da langgehen, um zur Moschee und anderen Sehenswürdigkeiten zu gelangen. Mein Gefühl sagte mir, ich solle mich nicht darauf einlassen und so schritt ich unbeirrt voran. Dennoch war meine Neugierde geweckt und ich zweigte heimlich zu einem späteren Zeitpunkt in die von den Männern angedeutete Richtung und verirrte mich im Gassengewirr; die kleine Moschee war dort definitiv nicht zu finden. Also ging ich zurück zu der zentralen Gasse und wurde gleich wieder angesprochen. Schließlich erlag ich einem selbsternannten Führer, der mich zunächst zu einem Gespräch und dann in einer Besichtigung bewegte. Zugegeben hätte ich zwei der Orte selber nicht entdeckt: eine private Terrasse auf der Stadtmauer und sein Zuhause mit einer Dachterrasse, von wo aus ich Teile der Kasbah überblicken konnte; alles andere hätte ich selber erörtern können. Zwei meiner zu zaghaften Versuche, die Führung zu beenden, zerredete er durch Ankündigung von weiteren spektakulären Orten. Ja, die Gassen zwischen den zur unteren Hälfte blau getünchten Häusern waren schön, aber auch jene hätte ich in Ruhe selber gefunden und mehr genossen. Daher holte ich zu einem dritten und diesmal bestimmten Versuch aus, bedankte mich und wollte ihm 20 Dirham in die Hand drücken. Er wollte mich wieder beschwichtigen, aber ich blieb konsequent und legte die Münzen in seine Hand. Er gab sich beleidigt und sagte, er habe eine Wohnung zu bezahlen und benötige den fünffachen Betrag. Ich hielt es weder für angemessen, noch hatte ich um die Führung gebeten. Ich ignorierte seinen Einwand, gab ihm das Geld und wandte mich ab. Später fiel mir auf, dass er mich von dem Semaphore mit der spektakulären Aussicht auf das Meer und die Flussmündung abgebracht hatte – wenn es ihm wahrscheinlich auch nicht bewusst war. Das war meine erste Begegnung mit einem Faux Guide, vor dem mich der Lonely Planet schon gewarnt hatte.

Bild: Kasbah les Oudaias

Casablanca – welch ein Verkehr in dieser mehr als zwei Millionen Stadt, ein Kampf und Gedränge im Kreisverkehr! Ich hatte die Regeln immer noch nicht ganz verstanden, was aber auch wohl daran lag, dass – falls es welche gäbe – diese auch nicht wirklich befolgt wurden und ich daher versuchte, im Strom zu schwimmen.
Der (wahrscheinlich selbsternannte) Parkwächter winkte mich herbei und dann in eine Parklücke ein. Nicht, dass ich es nicht selbst geschafft hätte, aber darum geht es nicht: je mehr Leute irgendwie Geld verdienen, desto besser. Und schließlich würde er ja auf mein Gefährt aufpassen.

Bild: Moschee von Hassan II

Die Moschee von Hassan II. liegt direkt am Meer und an dem Morgen vollkommen im Nebel. Die Spitze des Turms war nicht zu sehen; sie verschwamm schnell in dickem Dunst.
Ich ging Richtung Medina durch eine recht ärmliche Gegend. Die kleinen Verkaufsstände und Werkstätten waren allesamt einfache, improvisierte Hütten. Ich sah wie Möbel (meist Betten und Schränke) und Matratzen gefertigt und wie Mofas und Fahrräder repariert wurden. Ich weiß nicht warum, aber ich fühlte mich unsicher.
Ich erreichte das Tor zur Medina. Die Gassen waren eng, das Treiben wuselig. Ich war eher getrieben als dass ich in Ruhe hätte schauen können. Ich erreichte einen offenen Platz, setzte und orientierte mich. In der Nähe war “Rick’s Café”, aber da der Film wohl komplett in Studios gedreht worden war und auch jenes Café erst nach dem Film eröffnet wurde (und ich zudem den Film noch nicht gesehen hatte), ließ ich das Café Café sein. Meine Erkundungstour führte mich raus aus der Medina zum Uhrenturm und auf den Platz der Vereinten Nationen.

Ich orientierte mich und ging in Richtung des Platzes von Mohammed V. Dort staunte ich nicht schlecht über das im Bau befindliche Grand Theatre mit hochmoderner Architektur.

Auf meinem Rückweg passierte ich nochmal die Moschee, die nun vom Nebel befreit war und somit auch die tolle Lage direkt am Meer sichtbar wurde.

Mein nächster Stopp war El Jadida. Dieser Ort war überwiegend für seine Festung und die darin befindliche Zisterne bekannt. Pünktlich zum Beginn der Mittagspause von 12 bis 15 Uhr kam ich an dem Gebäude an, welches früher zur Wasserversorgung der Stadt gedient hat. Ich machte kurzerhand einen Spaziergang durch den neueren Teil der Stadt und besuchte den Hafen, wo Händler den Fisch von den Booten kauften und wenige Meter weiter auf dem Fischmarkt an den Endverbraucher verkauften. Es war auch noch Zeit für einen Rundgang auf der Mauer der Festung, bevor dann die Tore zur Zisterne wieder geöffnet wurden und ich hinabsteigen konnte. Es befand sich noch eine Pfütze in der Mitte des großen Raumes, in dem sich das prächtige Gewölbe spiegelte; ein dicker Lichtstrahl fiel durch eine runde Öffnung in der Decke auf die Wasseroberfläche und erzeugt eine spannende Lichtsituation in dem Raum. Man konnte die Wasserfläche umschreiten und so den Raum und die schiefe Lichtsäule von allen Seiten betrachten.

Teil 2: Von Oualidia bis Essaouira

30 km weiter südlich an der Küste lag Oualidia, das wie Moulay Bousselham an einer großen Lagune liegt. Ich ahnte nicht, dass dieser Ort viele Begegnungen für mich bereithalten sollte. Ich fuhr auf den großen Wohnmobil-Stellplatz, der gut belegt war und parkte neben einem selbstgebauten Wohnmobil auf MAN-LKW-Basis; vor ihm stand eine kleine Gruppe von Leuten, Brigitte und Uwe mittendrin. Dann war da noch das Pärchen mit kleiner Tochter, die seit Monaten in dem selbstgebauten Wohnmobil durch Nordafrika unterwegs waren, und Julia, die mit einem 35 Jahre alten Wohnmobil von der Schweiz nach Gambia zu ihrem neuen Job beim UNHCR unterwegs war. Es ergaben sich aufgrund der Teilnehmer, ihrer Erlebnisse und ihrer Vorhaben interessante Gespräche. Ich fand Julias Vorhaben sehr mutig: mit ihrem sechs Jahre alten Hund Yala und dem für 1500 EUR fitgemachten Wohnmobil-Oldtimer als Frau durch mehrere arabische Staaten zu reisen, klang für mich nahezu riskant. Gut, der Hund konnte sie sicherlich ein gutes Stück weit beschützen, zumal die Marokkaner eher Angst vor Hunden haben. Überwiegend sind Hunde dort herrenlos, zu zweit oder dritt unterwegs und dem Menschen gegenüber in der Regel ängstlich. Aber diese Regel hat auch Ausnahmen, und gerade im Rudel können sie dann doch auch mal angriffslustig werden. Und wenn dann eine blonde Mitteleuropäerin durch lautes “Yala!”-rufen (arabisch für “vorwärts!” oder “los!”) ihren Hund zurückordern will, dann ist die Verwirrung bei den Marokkanern komplett.

Etliche Verkäufer kamen morgens auf den Platz. Sie boten Gemüse, Obst, Fisch, Hummer und Muscheln zum Verkauf an und kamen überwiegend mit Mofas, aber auch zu Fuß. Unter ihnen war Mahdi, 30 Jahre alt; er verkaufte Kekse, die angeblich von seiner Mutter selbst gemacht waren. Wir kamen ins Gespräch und fanden schnell eine gemeinsame Ebene: so unterhielten wir uns über Musik im Allgemeinen und Rap im Speziellen; er sei Rapper und zeigte mir Videos von seinen Auftritten. Als ich ihm sagte, dass ich Saxophon spiele, wurde er hellhörig. Er betreibe einen eigenen YouTube-Kanal (“Energy Trip Music”) und mache Interviews mit Musikern, die dann auch live etwas vorspielen würden – ob ich auch mitmachen wolle?
Julia und Uwe wollten fischen gehen und sich von Mahdi die geeigneten Stellen zeigen lassen. So liefen wir die felsige Küste entlang und beobachteten, wie die Wellen gegen das Gestein schlugen und das Wasser in die Höhe spritzen ließ. Mahdi führte uns durch eine Spalte hinab durch ein Loch in eine Höhle, die durch Öffnungen den Blick auf das Meer freigab. Selber hätten wir diesen schönen Ort nicht gefunden.

Der junge Rapper war mir sehr sympathisch. Am nächsten Tag kam er etwas bedrückt zu uns und sagte, er könne nicht bleiben, da ihm eine Person der lokalen Behörden den Zugang zum Stellplatz untersagt hatte. Einen Grund konnte er mir nicht nennen. Ich vermutete, man wolle vermeiden, dass sich die Touristen bedrängt fühlen könnten. Ich bot ihm an, mit den Parkplatzwächtern zu sprechen, um klar zu machen, dass ich den Kontakt zu Mahdi sehr schätzen würde, doch er lehnte ab. Stattdessen überlegten wir, wie er mit mir ein Interview im Wohnmobil drehen könne. Ich bot ihm an, dass wir es am nächsten Tag vor meiner Weiterfahrt aufnehmen könnten.

Mit Julia, Brigitte und Uwe erkundete ich den kleinen Ort, in dem der Wochenmarkt stattfand. Es war einer dieser urtümlichen Märkte, wo die Waren auf einer Plane auf dem Boden liegend angeboten, Hühner geschlachtet, gerupft und gewaschen und Töpfe und andere Metallwaren auf Tischen präsentiert und verkauft wurden. Brotverkäufer bahnten sich den Weg zwischen den Ständen hindurch, um ihr leckeres Fladenbrot feilzubieten. Dieser Markt hatte angrenzend auch einen Viehmarkt, auf dem wohl früh morgens die Tiere verkauft wurden; wir waren zu spät, um Zeuge eines solchen Handels werden zu können.

Bild: Marktszenen

Am nächsten Tag drehte ich wie verabredet mit Mahdi noch das Video für seinen YouTube-Kanal. Er interviewte mich zunächst zur Musik, bat mich dann um mein Stück und untermalte es mit Gestik und Mimik – herrlich! Ich war froh, dass wir es noch geschafft hatten und fuhr dann zufrieden weiter gen Süden.

Nach 3.523 km Fahrt kam ich in Essaouira an. Diese Stadt und die Gegend sind für mich ein Highlight, da es sich um eine Windsurfer- und Surfer-Hochburg handelt und ich meine Reise darauf ausgelegt hatte. Einmal hier unten im Atlantik zu surfen muss großartig sein; er hat wirklich schöne große Wellen, die mit Abstand an die Küste laufen. Leider gab es überhaupt keinen Wind, seitdem ich das Mittelmeer und den Atlantik erreicht hatte; es war auch für die nächsten neun Tage kein Wind vorhergesagt. Das Schöne war, dass es dort Surfshops gibt und man sich dort Equipment ausleihen kann; so lieh ich kurzerhand für vier Stunden und probierte drei Wellenreiter aus – auch ein Spaß!

Natürlich wollte ich auch die Stadt besichtigen. Essaouira ist recht bekannt und wird von vielen Touristen besucht. Es gab einen einzigen Campingplatz, der aber nun geschlossen ist; ich durfte noch eine letzte Nacht dort stehen. Er lag am anderen Ende der Bucht und musste einem Neubaugebiet weichen. In einem Ort etwa 30 Kilometer nördlich hatte mich ein Parkplatzwächter schon darauf hingewiesen, dass der einzige Campingplatz in Essaouira geschlossen sei; ich hielt es allerdings für eine der arabischen Methoden, den eigenen Campingplatz oder den eines Freundes zu propagieren, aber diesmal entsprach die Information der Realität. Doch zurück zur Bucht von Essaouira: an der gesamten Bucht führte eine Promenade entlang bis zum Ortszentrum. Der Sandstrand war breit und prächtig und bevölkert von Einheimischen und Touristen. Nach knapp zwei Kilometern erreicht man den Eingang zur Medina. Ihre Straßen und Gassen sind zwar auch verwinkelt, aber aufgrund der Schmalheit war die Gefahr des Verlaufens eher gering. Der Hauptstrom der Menschen führte in den Hafen, der hauptsächlich dem Fischfang dient. Essstände und improvisierte Restaurants boten frisch gegrillte Fische und anderes Meeresgetier an. Selbstverständlich konnte man fangfrischen Fisch auch dort kaufen und selber zuhause zubereiten.

Bild: Hafenimpressionen

Aber auch der Weg vom Stadttor in die entgegengegsetzte Richtung ist lohnend. Er ist weniger touristisch und bietet viele kleine Geschäfte mit Obst, Gemüse und anderem für den alltäglichen Bedarf.

Am Ende des Weges zurück entlang der Promenade und der Bucht fand ich etliche Kamele, Pferde und Quads, die man mieten konnte. Mir sprang ein Pferd ins Auge, welches golden in der Sonne glänzte. Ich stand nicht lange bei dem arabischen Hengst, als sein Besitzer zu mir kam. Er bot mir einen begleiteten Ausritt an, und kurze Zeit später ritten wir zu zweit durch Dünen, das Hinterland und galoppierend am Strand entlang; es war einer meiner schönsten Ausritte überhaupt. Obgleich ich wenig reite, hörte der schöne Soleil ausgezeichnet auf mich. Auf dem Weg zurück spürte ich den sogenannten Stalldrang: sein Galopp war kräftig im Antritt und schnell; mein anfängliches “Oh oh oh…” wandelte sich in ein “YEAH YEAH YEAH!!!”.

Bild: “Blondie”
Bild: Soleil
Bild: Die Bucht von Essaouira mit vorgelagerter Insel

Teil 3: Von Essaouira über Agadir nach Marrakesch

[Nur auf meiner Webseite zu finden. Der Text wäre sonst für dieses Posting zu lang.]

Teil 4: Von Marrakesch über den Hohen Atlas bis nach Erg Chebbi

[Nur auf meiner Webseite zu finden. Der Text wäre sonst für dieses Posting zu lang.]

Teil 5: Von Erg Chebbi über Agdz zurück nach Marrakesch

[Nur auf meiner Webseite zu finden. Der Text wäre sonst für dieses Posting zu lang.]

Teil 6: Von Marrakesch über Fés und Chefchouen zurück

[Nur auf meiner Webseite zu finden. Der Text wäre sonst für dieses Posting zu lang.]

Welch eine Reise! Welch ein spannendes Land, welch eine andere Kultur mit vielen interessierten Menschen! So viel habe ich erlebt und gesehen, so schöne Begegnungen hatte ich. Mit dem Wohnmobil zu reisen macht einen sehr flexibel was die zeitliche Einteilung und die Routenwahl anbelangt, und in Marokko ist dieses gut möglich. Reist man auf den Autobahnen, so trifft man auf gute Straßen. Auf den Landstraßen muss man schon wachsam sein, tun sich doch hier und da plötzlich Schlaglöcher auf; nachts würde ich dort nicht fahren. Die Schotterpisten, über die ich gefahren bin, waren gut passierbar. Bestimmt kann man sich mit einem Offroad-Gefährt ganz wundervolle andere Gegenden erschließen. Jedenfalls habe ich mich immer sicher gefühlt; die bewachten Wohnmobil Stellplätze trugen dazu bei. Generell gilt Marokko als sicheres und gut zu bereisendes nordafrikanisches Land. Es gibt wohl keine bis wenige Übergriffe, keine Anschläge. Ein Vorfall im Dezember 2018 erschütterte die Marokkaner selber (und nicht nur das Ausland), als zwei junge Skandinavierinnen im Altlas-Gebirge ermordet wurden. Angeblich wurden deshalb an den Einfahrten zu größeren Städten Polizeikontrollen durchgeführt; ich als ausländischer Tourist wurde immer durchgewunken.
Gerade in den Wintermonaten trifft man sehr viele Reisemobilisten in Marokko; gefühlt waren es 73% Franzosen, 16% Deutsche und die verbleibenden 11% teilten sich die Spanier, Engländer und Italiener. Zum Überwintern eignet sich das Land aufgrund seiner geografischen Lage und des damit verbundenen Klimas natürlich hervorragend. Aber ganz besonders für uns hocheffiziente Zentraleuropäer ist es auch schön zu sehen, dass die Menschen bei niedrigerem Lebensstandard und schlechterer staatlicher Absicherung doch näher beieinander stehen und sich gegenseitig helfen; zumindest war das mein oberflächlicher Eindruck. Dabei fällt mir wieder die Aussage des nach Casablanca gezogenen Schweden ein, oder auch der Verkäufer, der in Deutschland Medizin studiert hatte – beide fanden die zwischenmenschliche Entfremdung und die Rastlosigkeit in den beiden letztgenannten Ländern als nicht (mehr) ertragbar.

Kurzum: das Erleben einer anderen Kultur, anderer Lebensumstände und gesellschaftlicher Ordnung regt zum Vergleichen und Nachdenken an. Und die Unterschiede zwischen Zentral-Europa und Nord-Afrika sind schon groß. Begegnet man ihnen mit Offenheit und Respekt, so wird man mit neuen Erkenntnissen und schönen Begegnungen belohnt. Dazu noch eine andere Landschaft, andere Natur und ein anderes Klima, und die Faszination ist perfekt.

Salam alaikum!
Tobias

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Anne42 am 11 Dez 2020 14:57:05

Man muss die ganze Reise mit den wundervollen Fotos lesen, danke dafür, einfach großartig!!!

speeedi am 11 Dez 2020 15:36:52

Absolut toller Reisebericht .
Vielen Dank dafür .
mfg Dieter

Anzeige vom Forum


Alter Hans am 11 Dez 2020 15:48:04

Hallo Tobias, hab herzlichen Dank für Deinen großartigen Reisebericht über Marokko.
Deine Bilder empfinde ich als ausgezeichnet. Und Du hast Dich auch gut an die Bevölkerung angepasst, trotz wenig französisch.

Da wurden bei mir auch viele schöne Erinnerungen geweckt.

sirtoby am 12 Dez 2020 12:24:14

Ganz herzlichen Dank für Eure Rückmeldungen, Anne, Dieter und Hans!

exsist678 am 13 Dez 2020 22:50:28

Hallo Tobias,
vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Reisebericht. Genau das richtige in der jetzigen Situation.

Gruß Hans-Peter

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